Montag, 4. Februar 2013

Vampirhype, die Erste: Vorgeplänkel und Twilight

Ich gebe es zu, ich lese gern Vampirbücher. Reine Fantasy ist mir meist zu überdreht mit ihren Paralleluniversen, Elfen, Zwergen und dem ganzen anderen Getier, das durch die erfundene Landschaft kreucht und fleucht. Vampirgeschichten sind größtenteils in einer ganz normalen Welt angesiedelt, sodass ich als Leser erstmal weder eine große Umgewöhnung habe, noch mich mit zu vielen erfundenen Wesen abfinden muss. Ich mag Urban Fantasy einfach lieber. Zwerge, Elfen oder neuerdings auch Engel sind einfach nicht so meins und meist geht es doch nur darum, dass Rasse A Rasse B eins auswischen will oder irgendein entwendetes Item zurückerobern will. Das war bei “Der Herr der Ringe” und “Der Hobbit” noch ganz nett, aber da war es eben auch noch nicht tausendmal abgekupfert. Und selbst Tolkiens Trilogie fand ich - dafür werden mich Anhänger sicherlich schlagen wollen - ab “Die Zwei Türme” stellenweise brechend langweilig. Ich möchte in Büchern einfach keine seitenlangen Beschreibungen eines Kampfes lesen. Ist aber nur meine Meinung.
Zurück zum Ausgangspunkt: ich mag Urban Fantasy mit Vampiren einfach am Liebsten, weil es sich im Grunde erstmal offensichtlich nur um normale Menschen handelt, die mit irgendwelchen nicht ganz normalen Problemen zurechtkommen müssen.
Da ich Kinder- und Jugendbücher auch nicht unbedingt zwingend vermeiden muss, weil es nicht mehr meinem Alter entspricht, habe ich irgendwann ganz zu Beginn der Twilight-Welle angefangen, die Stephenie Meyer-Bücher zu lesen. Das Ganze war kurz nach Erscheinen von Band Zwei. Die Reihe hatte also noch durchaus Potential und Entwicklungsspielraum.
“Bis(s) zum Morgengrauen” fand ich erstaunlich nett. Mal davon abgesehen, dass ein 08/15 Mädchen mit den üblichen pubertären Minderwertigkeitskomplexen in eine neue Umgebung gesetzt wird und sich ab diesem Punkt zwar noch verlieben, aber nicht mehr großartig weiterentwickeln darf… Dafür mochte ich einige der Nebencharaktere umso mehr, weil man im Laufe der Erzählung viel über ihre Vorgeschichte erfährt.
Das macht auch den Reiz der Vampirsachen aus: Viele Autoren beachten bei normalen Menschen nicht, dass auch diese nicht einfach zum Einstieg in ihre im Buch wiedergegebene Geschichte existieren, sondern bereits davor ein Leben gehabt haben und sich durch irgendwelche Ereignisse so entwickelt haben müssen, dass sie eben zum Beispiel der Teenie mit den Minderwertigkeitskomplexen geworden sind. Oder der Mitzwanziger, der gerne auf Nachbars Katze mit dem Luftgewehr schießt.
Einem vampirischen Charakter hingegen scheint kein Autor einfach so in eine Geschichte zu katapultieren, sondern will unbedingt eine Vorgeschichte zu ihm erzählen, weil Vampire ja deutlich interessanter sind als Menschen. Das kann man so oder so sehen, denn als Autor hat man schließlich erstmal alle Möglichkeiten in der Hand, jeden einzelnen Charakter seines Buches interessant zu machen.
In jedem Fall war ich bei Twilight Fan von Alice, bei der man erstmal vor einem ziemlichen Rätsel stand, wie sie zu dem geworden ist, was sie nun ist. Und Jasper, der zwar unheimlich sympathisch rüberkam, aber im Grunde durch sein relativ junges Vampiralter reichlich unberechenbar ist, wenn irgendwo Blut fließt.
Dann gab es da noch die Protagonisten: Edward mit ausbaufähiger Vorgeschichte und Bella, das Scheidungskind, das neuerdings bei ihrem Vater lebt. Und natürlich verliebt sich die unscheinbare Bella in den mysteriösen Edward. Irgendwo muss die Standardleserschaft ja auch erstmal befriedigt werden.
Es gibt in Band Eins erstmal eine Reihe sehr netter Szenen und dazu gehört für mich auch die umstrittene Wiese, auf der Bella dann sieht, warum keiner der Vampire dieser Autorin in die Sonne gehen sollte.
Dass Vampire glitzern, kann man lächerlich finden oder es hinnehmen. Lassen muss man der Autorin allerdings, dass vor ihr wohl noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass die Sonne Vampire eben nicht verbrennen lässt, sondern eben “Normalos” ihre wahre Natur offenlegt. Klar, sie hätte auch schreiben können wie man im Sonnenlicht den aktuellen Verfallsstatus eines Vampirs sieht, aber das hätte eine Liebesgeschichte wohl mehr als verkompliziert, weil man bei einem mehrere hundert Jahre alten Love Interest teilweise einfach gar nichts mehr sieht. In dem Fall muss auch mal wieder das Publikum bedient werden. Und wie gesagt, ich mochte zwar das Glitzern nicht, aber die Idee, die dahinter steckt.
Das relativ offene Ende des ersten Buches war übrigens auch schön. Bella ist zwar gerettet und wird nicht zum Vampir, sie ist auch mit Edward zusammen, aber sie hat sich nun in den Kopf gesetzt, gewandelt zu werden, um für alle Ewigkeit mit ihm zusammenzusein. Er hat aber keine Lust, ihr das ganze menschliche Leben wegzunehmen, das er nie hatte (schließlich sollte man als Vampire ja nicht mehr altern und auch nicht mehr für Nachkommen sorgen können #waswohlimviertenbandpassierenkönnte? ). Das Buch endet nun mit dieser Diskussion und ihm, der einfach irgendwann die Lippen auf ihren Hals drückt. Man weiß also nicht, ob er nachgibt, oder sie lediglich küsst und sich denkt “Ätsch.”
Band Zwei enthüllt dann letzteres und markiert schon den ersten kleinen Abstieg des Buches. Edward mutiert relativ schnell zu Jammer-Ede. Bella wird durch seine Familie, in dem Fall den unberechenbaren jungen Jasper, fast verletzt. Edward sieht keine andere Möglichkeit als die Beziehung zu beenden und abzutauchen. Nett fand ich dann - sei es dem Verlag, Editoren oder der Autorin selbst geschuldet - die vielen vielen leeren Seiten, die auf diese Szene folgen, lediglich von Monatsnamen gefüllt. Und jeder, der irgendwann einmal eine ähnliche Szene erlebt hat, kann diese leeren Seiten nachempfinden. Man erfährt endlich ein wenig über Bellas Zustand, die irgendwo halbwach durch ihr Leben läuft und gar nichts mehr fühlt, bis sie feststellt, dass sie jedesmal Edwards Vorwürfe in ihrem Kopf hört, wenn sie irgendeine Dummheit macht, die sie in Gefahr bringt. Also eignet sie sich einen etwas “destruktiven” Tagesablauf an.
Natürlich kommt nun ein potientieller Edward-Ersatz ins Spiel, der natürlich auch Probleme mit sich bringt, weil man am Besten zu Vampiren immer noch ein Werwolfrudel steckt. Vampire und Werwölfe verhalten sich wohl so wie Elfen/Elben und Zwerge.
Die zweite Buchhälfte ist ein wenig durchwachsen und endet dann unvemeidlich mit der Wiedervereinigung von Edward und Bella, nach dramatischen Szenen mit den bösen italienischen Obervampiren. Da aber nebenbei immer mal wieder Hintergrundinformationen einflossen zu netten Nebencharakteren und der Ordnung in der Vampirgesellschaft hat das vom schwachen Hauptplot abgelenkt.
Band Drei war dann der erste, dessen Erscheinen ich abwarten musste. Wieder nicht mehr so interessant. Dieses Mal war der Hauptplot eigentlich die Liebestriangel Edward-Bella-Jake. Von vorneherein ist klar, dass nur Edward und Bella am Ende beieinander landen. Es tauchen recyclete Bösewichter aus den Vorbänden auf, die irgendwie überlebt haben, aber sich nun doch entschlossen haben, ihre Meinung zu ändern, größtenteils aber jammern Edward und Bella, dass sie es nicht wert sind, den jeweils anderen abbekommen zu haben und Jake nutzt das aus.
Der Vierte Band ist dann einfach nur noch schlechte Fanfiction und der Beweis dafür, dass man es eigentlich schon nach dem ersten Band hätte sein lassen sollen. Edward und Bella heiraten. Direkt nach dem Schulabschluss. Dass da die (religiösen) Ansichten der Autorin hereinspielen ist ziemlich offensichtlich und das geht erstmal gar nicht, meiner Meinung nach. Besonders nicht, weil diese Ehe einfach erstmal nur da sein muss, damit Edward mit Bella ins Bett geht, was natürlich in einer Schwangerschaft endet. (die konnte weder unehelich sein, noch konnte sie von schriftstellerischer Seite vermieden werden - hallo Logik! ) Edward entpuppt sich als Succubus, konnte aus unerfindlichen Gründen also mit einer menschlichen Frau Kinder zeugen, obwohl er eigentlich schon tot ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einige Male überlegt, das Lesen abzubrechen. Die Schwangerschaft verläuft innerhalb weniger Wochen - das Kind wächst zu schnell, Bella wird krank, magert ab und stirbt beinahe. Bis ihr Edward dann -endlich wieder von neuen Vorwürfen geplagt- sein unsterbliches Leben schenkt. Oder so. Ich dachte wirklich, ich lese nicht richtig. In sämtlichen Bänden bleibt er beständig, in Band Eins tut er alles, damit Bella nicht und nie zum Vampir wird und dann wird alles im letzten Teil über den haufen geworfen. Wenn die ganze Reihe nur darauf hinausgelaufen ist, hätte man das schon durch James’ Biss in Band Eins erledigen können und Ede hätte sich die Finger gar nicht schmutzig machen müssen.
Bella mutiert nun vollkommen zur Mary Sue, hat ihre Bedürfnisse sofort unter Kontrolle, Super-Abschirm-und-Beschütze-Sie-Alle-Fähigkeiten und ist natürlich jetzt atemberaubend schön. Das Kind wächst immer noch ganz schnell, sodass sie sich nicht um ein schreiendes Baby oder zahnendes Kleinkind sorgen muss. Es bekommt den genialen Namen Reneesme (kopfschütteln und fragen, welche Drogen die Autorin bis zu diesem Moment eigentlich genommen hat) und die Konservenbösewichter werden wieder entmottet. Jake stellt jetzt fest, dass er irgendwann man mit Reneesme zusammensein will und wird und am Ende sind alle glücklich und zufrieden. Das Paradebeispiel wie man einen guten Auftakt noch so richtig schön zerschießt.
Band Eins ist nach wie vor lesenwert, auch wenn inzwischen so viele auf der Jugendvampirbuchwelle mitgefahren sind, dass man nichts Neues mehr erlebt, wenn man zu “Bis(s) zum Morgengrauen” greift. Die Nachfolger sind zwar noch lesbar aber auch verzichtbar - der letzte Band ist eine Katastrophe.
Und bei Katastrophen kann man dann auch die Verfilmungen einreihen. Wenn man einem Mary Sue-Charakter noch das Ein-Ausdruck-für-alle-Situationen-Gesicht von Kirsten Steward gibt (gepaart mit der Synchro die von Emotion und Audruck an Nena oder Till Schweiger heranreicht), wird es nicht unbedingt besser. Und da Filme ja leider nur einen Bruchteil eines Buches wiedergeben können, beschränkt sich dieser Bruchteil leider auf die Haupthandlung und damit genau die Schwächen der Buchreihe. Die Nebencharaktere kommen noch kürzer und das Ganze wird garniert mit schlechten Darstellen (mal ausgenommen von Billy Burke, Jackson Rathbone und Ashley Greene). Kategorie: Muss man nicht gesehen haben. Aber leider sicherlich auch ein Grund für den Twilight-Hype und die Abneigung, die einige dem Stoff entgegenbringen ohne die Bücher überhaupt zu kennen.
Buchtechnisch gibt es durchaus interessantere Vampirreihen. Dazu komme ich dann demnächst.

  1. Suse

    Samstag, Februar 9, 2013 - 11:20:41

    Ich muss zugeben, das geht mir ähnlich. Ich habe große Schwierigkeiten in eine Geschichte einzusteigen, wenn diese auf einer rein erfundenen Welt basiert. Wenn der Protagonist den Leser mitnimmt, aus dieser in eine fiktive Welt,ist das wieder etwas anderes. Wo das Eintauchen in eine fremde Welt seltsamerweise in meinen Augen auch sehr gut funktioniert, ist bei “Der goldenen Kompass-Reihe” , obwohl diese in jener anderen, fremden Welt startet. Irgendwie schafft es aber Pullman, den Leser mitzunehmen, Ich habe die Filme übrigens nie gesehen, spreche nur von den Büchern, denn die sind im Bereich Fantasy meine liebsten.

    Wobei ich das Verschwimmen von realer und fiktiver Welt übrigens an deinen Geschichten auch sehr liebe, weil du diesen Urban-Fantasy-Gedanken gut verwirklichst.

    Bei Twilight ist das gut gemacht, nur wie du schon schreibst, sind die Hauptcharaktere wirklich ziemlich flach und dadurch wird auch die Handlung, ihre Liebesgeschichte zum Teil unerträglich kitschig.

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