Montag, 18. Juni 2012

Phanfiction: Christines Engel (2007)

Anmerkung vorweg: Meine letzte Contest-Phanfiction für den Darkphiction-Contest. ich glaube, danach habe ich nichts phantomiges mehr allein geschrieben. Jedenfalls nichts Lesenswertes. Dieses Mal basiert meine Handlung ganz entfernt auf Leroux’ Originalphantom.

Christines Engel

(2007)

Der Regen prasselt unablässig gegen die Fenster des Krankenzimmers. Dicke Tropfen bahnen sich tränengleich einen Weg auf das äußere Fensterbrett, und durch die rostigen Gitter kann der junge Mann das Blattwerk einer Eiche erkennen.
Angespannt presst er die Lippen aufeinander, während er mit beiden Händen den Veilchenstrauß umklammert, als könnte dieser ihm irgendwie Halt geben.
Der Raum ist unfreundlich und karg eingerichtet, abgesehen von einem Kruzifix am Kopfende des Bettes gibt es keinerlei Zierrat; auf dem Nachtschrank stehen einige Tinkturen und Flaschen, deren Etiketten Raoul zwar lesen kann, doch die darauf befindlichen Namen übersteigen seinen Horizont.
Er rümpft die Nase, als ihm abermals der Gestank des Nachttopfes zuweht, den die Schwester zwar versprochen hatte mitzunehmen, was sie jedoch bislang nicht in die Tat umgesetzt hat.
Ewigkeiten vergehen, in denen er immer wieder auf seine goldene Taschenuhr blickt, als könnte er so die Zeit vorantreiben. Dann schließlich klopft es einmal kurz an die Tür, was ihn erleichtert seufzend aufspringen lässt.
Das aufgesetzte Lächeln gefriert ihm jedoch sofort, als er den Arzt entdeckt, der seine schwache Patientin stützen muss.
Christine ist noch viel blasser als bei seinem letzten Besuch. Zudem scheint sie erneut an Gewicht verloren zu haben, sodass ihre nackten Waden, die unter dem gestärkten Hemd hervorschauen - und die er wider seiner guten Erziehung anstarrt - kaum dicker als sein Oberarm sind. Er ist sich sicher, dass er, würde er sie nun vollkommen entblößen, jede einzelne ihrer Rippen erkennen könnte. Beschämt senkt er den Kopf, als er merkt, dass ihm zu allem Überfluss auch noch die Röte ins Gesicht schießt.
Christine schlurft artig am Arm des Arztes in ihr Bett, wo sie brav das Glas mit ihrer Medizin ergreift und den Inhalt unter den aufmerksamen Blicken des Mediziners herunterwürgt.
Sie verzieht das Gesicht wie ein kleines Kind, dem man gerade etwas Widerwärtiges zum Essen angeboten hat, ehe sie schwach in ihr Kissen zurücksinkt.
Abermals lässt Raoul sich auf seinem Stuhl neben dem Bett nieder, den Strauß in den Händen drehend.
Der Arzt nickt ihm kurz zu, ehe er das Zimmer mit dem Hinweis verlässt, dass die Patientin Ruhe nötig habe und jegliche Aufregung vermieden werden sollte.
“Ich… ich habe dir Blumen gebracht.” stottert Raoul unbeholfen, ohne aufzusehen. Ihr Anblick erschreckt ihn mehr als er zugeben will. Ihre Wangen sind eingefallen, ihre dunklen Augen liegen tief in den Höhlen, ihre Lippen sind dünn und rissig geworden. Die Haut, die er aus Kindertagen noch so rosig und lebendig in Erinnerung hat ist nun wächsern, ja fast grau und spannt sich über die hervorstehenden Knochen. Und ihr wunderschönes Haar ist so dünn… Er atmet tief durch. Es hat ihn solche Überwindung gekostet, hierher zu kommen. Ganze drei Tage hat er mit sich gerungen und immer wieder Philippes Proteste als Vorwand genommen, sein Vorhaben aufzugeben. Doch der Wunsch, sie noch einmal zu sehen, war viel stärker. Das ist er seiner Kindheitsfreundin einfach schuldig.
“Veilchen”, murmelt sie. Sogar ihre Stimme ist brüchig.
Der Arzt - Dr. Duchamps, wenn Raoul sich recht erinnert - hat ihm gesagt, dass sie sich gerade von einem weiteren Anfall erholt hat, der so grauenvoll gewesen sein muss, dass man es vorzog, sie in der Weichzelle eine Weile allein zu lassen, bis sie sich Wut und Kummer von der Seele gebrüllt hatte. Und ganz offensichtlich war diese Therapie ein Erfolg gewesen, wenn man ihre Heiserkeit richtig deutete.
“Und wie fühlst du dich heute?” erkundigt er sich vorsichtig.
Das Achselzucken misslingt ihr, sodass sie nur eine klägliche Grimasse schneidet, die Raoul einen eisigen Schauer den Rücken herunter jagt.
“Ich hatte einen Alptraum, glaube ich. Papa war da und ich musste Tee kochen für ihn. Er hat uns die Geschichte von dem Engel erzählt und…” Sie verstummt und beißt sie heftig auf die Lippe, um die Worte zurückzuhalten, die ihr ansonsten hervorgesprudelt wären.
Raoul weiß, wie viel Selbstbeherrschung sie aufbringen muss, um sich immer wieder vor Augen zu halten, dass ihre Phantasie ihr einen bösen Streich gespielt hat.
‘Wenn sie bereit ist das zu akzeptieren’, hat Dr. Duchamps gesagt, ‘können wir sie beinahe als geheilt betrachten.’
“Oh”, macht Raoul also, ohne auf das Thema einzugehen. “Und… und sonst?”
“Sie geben mir immer diese ekligen Tropfen, um mich zu beruhigen. Vielleicht lassen sie mich gehen, wenn ich ganz ganz ruhig bin.”
“Christine…” besorgt streckt er die Hand aus um ihre Finger zu berühren. Sie sind eiskalt und er zuckt zurück, als er im ersten Augenblick das Gefühl hat, etwas schon lange Totes angefasst zu haben.
“Ja, ich muss nur weiter so tun, als würde ich glauben, was sie mir sagen und nicht mehr widersprechen. Dann wird alles gut, nicht wahr, Raoul?”
“Ich denke nicht, dass sie das von dir verlangen.” sagt er vorsichtig. “Du sollst selbst sehen, dass all das, was du erzählst, unmöglich ist.”
Entsetzt richtet sie sich auf. In ihren Augen lodert ein letzter Rest leidenschaftlicher Wut.
“Ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen und gehört!”
“… Ja.” nickt Raoul langsam, weil ihm einfach nichts besseres einfallen will. Sie haben diese Diskussion schon zu oft geführt.
Beim letzten Mal, nach der Gala, kurz bevor man sie hierher brachte, schien sie so verzweifelt zu sein, dass er ihr beinahe geglaubt hätte. Aber nur beinahe…
“Du glaubst mir nicht!” flüstert sie, und im selben Augenblick erlöscht auch der letzte Glanz in ihrem Gesicht. “Du bist genauso wie alle anderen!”
“Das ist nicht wahr! Ich liebe dich und ich möchte dass du wieder gesund wirst.” protestiert er.
Christine schnaubt verächtlich.
“Ohja, wie du mich liebst. Und du wirst mich noch am Tag meiner Entlassung heiraten, nicht wahr?”
Nun beißt er sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckt, aber er ist nicht in der Lage, zu antworten. Er bringt es nicht übers Herz sie zu belügen, indem er ihr beteuert, es würde ihm nichts ausmachen eine Frau aus dem Hôpital Salpetière in den Stand der Ehe zu führen. Ganz zu schweigen davon, dass Philippe und seine Schwestern dies zu verhindern wüssten. Mit dieser Frau wird er niemals eine glückliche Ehe führen können und Kinder… Nein, Kinder werden sie nie haben können, nach allem, was sie ihrem Körper angetan hat.
Er starrt auf ein welkes Blatt in seinem Blumenstrauß und ruft sich Emilies Gesicht in Erinnerung. Seine wunderschöne Emilie, mit den rosigen Wangen und den dicken goldenen Locken. Wie sehr hat sie ihn angefleht, nie mehr hierher zu gehen, die alten Zeiten zu vergessen und nur noch im Hier und Jetzt zu leben. Sie hat sogar geweint.
Und nun, an Christines Bett kommt er sich wie ein Verräter vor, weil er ihr in diesem Zustand nicht von seiner Verlobten erzählen kann, es schon nicht bei ihrem Wiedersehen in der Oper konnte, als die ersten Anzeichen von Christines Krankheit für alle spürbar wurde.
“Papa hätte dir nie vom Engel der Musik erzählen sollen. Du warst es nie wert in sein Geheimnis eingeweiht zu werden.” stößt sie angewidert hervor.
Raoul schnappt hörbar nach Luft, sagt aber nichts.
“Ich weiß, was ich gesehen habe, Raoul. Er war da und er hat mit mir gesprochen!”
“Christine, das ist unmöglich…”
“Er war da! Und jetzt geh weg und nimm dein hässliches Unkraut mit.”
Mit hängenden Schultern erhebt sich Raoul, streckt ihr noch ein letztes Mal die Blumen entgegen, in der Hoffnung sie könnte es sich vielleicht anders überlegen, dann wendet er sich ab.
“Und komm bloß nicht wieder!” fährt Christines zornige Stimme fort.
“Aber dann…”
“Er hat mir untersagt, mich mit Männern zu treffen! Übrigens hasse ich Veilchen. Das solltest du doch eigentlich wissen.”

Dr. Duchamps erwartet den blassen Mann bereits im Gang. Mit väterlicher Geste legt er ihm einen Arm um die Schultern, um ihn in sein Zimmer zu führen, ihn dort auf einen der Sessel zu drücken und ihm ein Glas Cognac zu reichen.
“Ich hatte Sie gewarnt, Monsieur le Vicomte”, sagt er mit einem sorgenvollen Stirnrunzeln.
Raoul nickt steif und leert das Glas in einem Zug.
“Sie ist noch immer davon überzeugt, dass sie diese Stimmen gehört hat. Ich… ich weiß wirklich nicht, was ich ihr noch sagen kann. Oder wie ich mit ihr umgehen soll.”
“Vielleicht wäre es das Beste, wenn Sie nun dem Rat ihres Bruders und Ihrer reizenden Verlobten Folge leisten würden”. Dr. Duchamp kratzt sich an seinem bärtigen Kinn. “Nehmen Sie mit dem heutigen Tag Abschied von ihr und kommen Sie nicht wieder. Die Christine Daaé, die Sie als Kind kannten, existiert schon lange nicht mehr.”
“Und Sie vermuten, dass der Tod Ihres Vaters mit ihrem…” Das Wort ‘Wahn’ will Raoul nicht über die Lippen kommen. “… mit ihrer Krankheit zu tun hat?”
Der Arzt nickt.
“Das Mädchen war so plötzlich auf sich allein gestellt. Und kurz nachdem Monsieur Daaé sie verlassen hat, wird sie über Nacht zum Star von Paris. Es gibt viele Menschen, die diesen Ruhm nicht verkraften konnten.”
“Aber warum…?”
“Warum dieser Engel der Musik?” vervollständigt Dr. Duchamps. “Nun, es handelt sich hierbei um die Geschichte ihres geliebten Vaters, der ihr einst versprach, dass sie Erfolg haben würde, sobald ihr dieser Engel erschienen sei.”
“Und jetzt glaubt sie, er sei tatsächlich bei ihr.” murmelt Raoul düster, sich an seinen Cognacschwenker klammernd.
“Sie haben es selbst erlebt.” erwidert der Arzt und breitet vielsagend die Hände aus.
Raoul nickt lethargisch. Als könnte er das jemals vergessen. An jenem Abend nach der Gala erwartete er Christine vor der Garderobe. Ein Essen unter alten Freunden, er wollte ihr dabei Emilie vorstellen und war sich sicher, dass sich die beiden Frauen blendend verstehen würden. Und da vernahm er plötzlich ihre Stimme:
“Heute Nacht habe ich nur für Sie gesungen, Meister. Ich habe Ihnen meine Seele gegeben und nun bin ich tot.”
Gespannt hatte er den Atem angehalten, um zu hören, mit wem Christine sich unterhielt. Dass es einen Mann in ihrem Leben geben sollte war ihm neu. Als dann plötzlich die Antwort ertönte, schien ihm beinahe das Herz stehen zu bleiben.
“Deine Seele ist sehr schön, mein Kind. Ich danke dir dafür. Heute Nacht haben die Engel geweint.” Niemand anderes als Christine selbst war es gewesen, die gesprochen hatte.
Das war der Anfang vom Ende gewesen.
“Besteht denn irgendeine Chance darauf, dass sie geheilt werden kann?” erkundigt er sich mit rauer Stimme.
Der Arzt schützt die Lippen und verschränkt die Arme vor der Brust.
“Das liegt ganz allein bei ihr, Monsieur.”

Stunden sind vergangen, seit man sie wieder in die Weichzelle geschlossen hat. Sie soll sich nicht verletzten, das alles geschehe nur zu ihrer eigenen Sicherheit.
Sicherheit, pah! Sicher ist sie hier tatsächlich vor all diesen Idioten, die sich dort draußen herumtreiben und die ihr keinen Glauben schenken.
Sie kauert sich in einer Ecke zusammen und schließt die Augen, um im Geist bis Zehn zu zählen. Dann knistert plötzlich die Luft um sie herum, als wäre sie elektrisch geladen und die Härchen an ihren dürren Armen stellen sich auf.
Als sie den Blick hebt, kann sie ihn endlich wieder sehen. So klar wie immer.
“Meister!” flüstert sie ehrfürchtig und fällt auf die Knie, weil sie dem Blick seiner bernsteinfarbenen Augen nicht länger standhalten kann. “Ich wusste, dass Sie mich auch hier finden würden. Ich habe solche Angst.” Tränen rinnen ihr über die Wangen und ihre Hände zittern aufgeregt, in der Erwartung endlich wieder seine Stimme hören zu können.
Und endlich spricht er:
“Ich werde dich von nun an nie mehr verlassen, mein Kind.”

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