Montag, 18. Juni 2012

Phanfiction: Der Geist der Musik (2007)

Anmerkung vorweg: Ein weiteres Phantom-Märchen-Crossover. Dieses Mal musste Andersens “Schneekönigin” dran glauben. Entstanden - wie könnte es anders sein - für einen Contest.

Der Geist der Musik

(2007)

Erster Teil, welcher von einem verzauberten Instrument handelt

Es war einmal vor langer Zeit in einem weit entfernten Land. Da lebte eine Fee, die ein so schönes Instrument besaß, dass ein jeder Spielmann danach dürstete, auch nur eine Note darauf spielen zu dürfen. Noch schöner als der beste Sänger und lieblicher als der Gesang der zierlichsten Nachtigall war der Ton dieser Orgel. Doch niemandem gelang es, das Instrument zum Klingen zu bringen, denn die Fee war eine böse Frau und hatte einen Bann darüber gelegt, dass nur ihre Hände dieses prächtige Werkstück bedienen konnten.
Von Zeit zu Zeit machte sie sich einen Spaß daraus, große Musiker in ihr Reich zu laden, die ihre Kompositionen zum Besten geben sollten, und das schwarze Herz der Fee war erfüllt von boshafter Freude, wenn die Orgelpfeifen schwiegen.
Eines Tages aber war einer unter ihnen, der so begierig war, dass er die Orgel nicht nur spielen wollte - nein, er wollte sie sogar besitzen. Und die Fee lachte und versprach, sollte es ihm gelingen sein ‘L’ amour vraie de Don Juan’ wiederzugeben, überließe sie ihm mit Vergnügen ihre Erfindung.
Nun setzte sich der Musiker auf die Bank und schlug die Tasten an, doch die schwiegen beharrlich. Darüber machte sie die Fee lustig, was den armen Mann so erzürnte, dass er die Orgelpfeifen ergriff und eine nach der anderen aus der Wand riss. Erst als das Instrument vollkommen zerstört und unbrauchbar war, ließ er davon ab, um die Fee mit verzweifeltem Schluchzen anzuflehen, ihm seine Untat zu vergeben.
Doch die Böse war unversöhnlich, da sie nun etwas Neues erschaffen musste, um die Menschen zu quälen.
So legte sie einen Zauber über den vor ihr knienden Komponisten. Zwar solle er das vormals prächtige Instrument nun besitzen, aber dafür nähme sie ihm sein schönes Antlitz. Er wäre dazu verdammt, umherzuwandeln und nach den Stimmen zu suchen, die die verbogenen Pfeifen erneut zum Klingen brächten. Sollte ihm das jemals gelingen, so wäre er frei und erhalte seine Schönheit zurück.
Und damit entließ die Fee den Musiker aus ihrem Reich und verschloss mit einem zufriedenen Lachen die Tür. Denn jetzt hatte sie es doch noch viel ärger treiben können mit ihrem Instrument.
Der hässliche Komponist aber zog sich in eine weit entfernte Gegend zurück, um sich vor der Welt zu verstecken. Nur manchmal sah man ihn des Nachts umhergehen und in die Zimmer junger Mädchen blicken, die mit besonders schönen Stimmen gesegnet waren.
Immer wieder gelang es ihm, eine von ihnen zu rauben und ihren Gesang in eine der zerstörten Pfeifen zu bannen, bis ihm schließlich nur noch eine fehlte.
Doch die Suche nach dieser feinsten wollte kein Ende nehmen und über die Jahre verbitterte er immer mehr.
Würde es ihm jemals gelingen, sein Stück auf der Orgel zu spielen, oder wäre er dazu verflucht sich auf ewig zu verstecken? Nun, ihr werdet es ja hören.

~

Zweiter Teil, welcher von einem kleinen Jungen und einem kleinen Mädchen erzählt

In einer kleinen Stadt, wo es niedliche Häuschen gab und freundliche Menschen, die einander des Morgens mit netten Worten begrüßten und stets hilfsbereit waren, lebten einmal zwei Kinder. Der Junge war ein Waise reicher Eltern, der von einer Tante großgezogen wurde. Das Mädchen hingegen war die Tochter eines armen Bauern, der kaum mehr hatte, als seinen Hof und die Kleider am Leib.
Der Vater des Mädchens war aber ein so guter Fidler, dass der Junge bei ihm Stunden nahm, und so kam es, dass sich die Kinder bald innig anfreundeten.
Wann immer der Junge nun versuchte, der Violine Töne zu entlocken, saß das Mädchen an seiner Seite und begleitete sein mühseliges Spiel leichthin mit ihrer wunderschönen Stimme.
Im Winter verweilten die beiden Kinder oft beieinander, um den Geschichten des Bauern zu lauschen, der ihnen die langen Abende nach der Geigenstunde vertrieb.
Dabei hielten sie einander so fest bei den Händen, dass niemand sie zu trennen vermochte.
Draußen stob der Schnee umher und die Flocken wirbelten gegen die vereisten Fenster der guten Stube.
An diesem Abend geschah es, dass der Vater des Mädchens, deren Name Christine war, den Kindern vom Geist der Musik erzählte.
“Man glaubt”, sagte der Bauer, “dass der Geist in die Schlafkammern der Mädchen blickt, um dort die mit dem reinsten Herzen zu erwählen, die fortan für ihn singen soll. Und die nimmt er dann mit sich in sein Reich.”
“Ich habe ihn gesehen”, behauptete der Junge, der Raoul hieß, mutig. “Er hat Christine beobachtet.”
Da wurde dem Mädchen ganz kalt.
“Kann er denn hereinkommen?”
“Oh lass ihn doch kommen! Dann werde ich ihn zum Duell fordern und dich beschützen.”
Aber der Bauer lachte und strich dem Jungen über das Haar und erzählte andere Geschichten.
Abends, als die kleine Christine in ihrer Kammer war, kletterte sie auf einen Stuhl, der an der Fensterbank stand, um herauszusehen.
Noch immer fielen draußen dicke Schneeflocken vom Himmel und die Luft war so klar, dass ein eigenartiges Klirren darin zu hören war. Und Christine lachte glücklich und summte das Lied, das die Eiszapfen an der Dachrinne zu singen schienen laut mit.
Da trat aus dem Schatten des Hauses eine große und dunkle Gestalt, die sich dem Haus näherte. Sie schien vollkommen aus Schwärze zu bestehen, doch ihre Augen glühten golden und in ihnen lag weder Rast noch Ruhe. Obgleich das Herz des Mädchens vor Angst heftig in seiner Brust pochte, war es dennoch nicht fähig zu verstummen und musste weiter singen.
Da nickte die Gestalt ihm zu, winkte mit der Hand, aber Christine erschrak und versteckte sich eilig in der Ecke hinter einem großen Schrank.
Als sie es wagte, wieder hervorzulugen, war der Schatten von ihrem Fenster verschwunden.
Christine verschwieg diese unheimliche Begegnung und bald darauf wurde es Sommer. Während die Vögel im Garten zwitscherten und der Gaul den Pflug über die Felder zog, saßen die Kinder Arm in Arm zusammen, genossen den Duft der blühenden Rosen und blätterten in einem von Raouls Bilderbüchern.
Mit einem Mal aber war es Christine, als würde eine wunderschöne Stimme nach ihr rufen. Sie schnellte auf, doch Raoul, der nichts vernommen hatte, legte ihr eine Hand auf die Schulter.
“Mir war, als hätte man meinen Namen gesagt.” flüsterte Christine bleich.
Da schloss Raoul sie in seine Arme und küsste ihre Wange.
“Das war sicher nur der Wind.”
Und Christine nickte, während sie sich dazu zwang, seinen Worten Glauben zu schenken.
“Ja, da hast du Recht. Wie dumm von mir.” Doch ihr Herz pochte so aufgeregt wie bei der Begegnung mit der Schattengestalt und sie fühlte eine tiefe Unruhe in sich aufsteigen, die sie sich nicht erklären konnte. Wie gerne wäre sie einfach davon gelaufen, um die Stimme zu suchen.
Denn es war die Stimme des armen Musikers gewesen, der sie zu sich bat, um mit ihr die letzte Pfeife in seiner Orgel zum Klingen zu bringen. Und längst hatte er so viel Macht über das Mädchen, dass sie an nichts anderes mehr denken konnte, als seinem Ruf zu folgen.
Sie wurde unkonzentriert und vernachlässigte ihre Arbeiten, am Ende handelte sie gar zornig gegenüber ihrem Vater und Raoul.
Als es wieder Winter wurde, tauchte der Schattenmann erneut vor Christines Fenster auf, um sie zu sich zu bitten. Und das Mädchen öffnete ihm, kletterte hinaus und ergriff seine Hand, um mit ihm zu gehen.
Ihr war furchtbar kalt, denn seine Berührung war eisig wie die des Todes. So schlug der Musiker seinen langen Mantel wärmend um sie und als ihre Beine müde wurden, hob er sie gar auf den Arm.
Zu der Mattigkeit kam bald Heimweh, das immer stärker wurde, je weiter sie sich von dem Bauern und Raoul entfernten.
Da küsste er ihre Stirn und dieser Kuss war noch viel kälter als seine Berührung. Er ging Christine so tief ins Herz hinein, dass sie dachte, sie müsste sterben. Doch dann verging das Gefühl und sie hatte das Heimweh vergessen, ja sogar die Sehnsucht nach dem Spielgefährten.
Da fiel ihr Blick auf das grausame Gesicht des Musikers, aber bevor sie schreien konnte, hatte er ihre Stirn abermals geküsst und Christine fühlte keine Angst mehr.
“Nun aber werde ich dich nicht mehr küssen, mein schönes Kind”, sagte das der Musiker, “Denn dann würdest du das letzte Gefühl verlieren und dein Gesang wäre völlig wertlos.”
Christine blinzelte ihn an, aber war nicht mehr in der Lage, das hässliche Antlitz zu sehen oder sich daran zu erinnern. Bald darauf war sie eingeschlafen und erwachte erst wieder im Versteck des Musikers.
Dort war es so dunkel, dass kaum eine Kerze vermochte die ewige Nacht zu erhellen vermochte. Christine aber musste nun für den Musiker singen, bis er eines Tages mit ihrer Stimme so zufrieden wäre, dass er sie in die letzte Orgelpfeife bannen konnte.

~

Dritter Teil, in dem die Suche beginnt

Als aber Christine nicht mehr zurückkam, wurde der kleine Raoul sehr traurig.
Niemand konnte ihm sagen, wohin sie gegangen war. Nur der Nachtwächter berichtete, dass er einen großen schwarzen Schatten mit einem Mädchen an der Hand durch die Tore der Stadt hatte verschwinden sehen.
Viele Tränen wurden vergossen, am heftigsten aber weinte Raoul.
Nachdem der Winter dem Sommer gewichen war, erzählte man, das Mädchen sei tot, sie sei in den Fluss gefallen, der sich dicht an der Stadt vorbeischlängelte, und ertrunken. Das war eine furchtbare Zeit für den Jungen.
Aber eines Morgens erwachte er, zog seinen besten Anzug an und küsste die Stirn seiner schlafenden Tante.
“Ich will zum Fluss heruntergehen und ihn bitten, mir meine Christine wiederzugeben.” sagte er, setzte noch seinen Hut auf und verließ die Stadt.
“Ist es wahr, dass ihr mir meine geliebte Christine genommen habt?” fragte er die Wellen, die sich am Flussufer brachen.
Doch es war nichts weiter zu hören, als das Rauschen des Wassers und das Geschnatter der Enten.
Wunderschön war es an diesem Tag am Ufer, aber der kleine Raoul hatte kaum Augen für das Grün der Wiesen und die wilden Blumen. Ihm schien es, als knarzten die alten Bäume im Wind voller Anteilnahme und die Blätter rauschten mitleidig, um ihn über seinen Verlust hinwegzutrösten.
Raoul aber nahm sich ein Boot, das er an einem Steg fand, band es los und setzte sich hinein. Obgleich es kein Ruder hatte, half ihm eine kräftige Böe, die es in die Mitte des Gewässers trieb.
Dort beugte sich Raoul über den Rand seines Gefährtes, um abermals in die Wellen zu blicken. Aber dort erkannte er nur die Spiegelung seines Gesichtes und nicht etwa das der vermissten Freundin.
“Habt ihr mir meine geliebte Christine genommen?” fragte er noch einmal, aber niemand antwortete ihm. Stattdessen wurde die Fahrt des Bootes schneller und schneller. Schaukelnd trieb er flussabwärts, doch ohne Ruder konnte er nicht umkehren.
“Vielleicht trägt mich der Fluss zu meiner Freundin”, dachte der Junge bei sich und wischte sich eilig die Tränen aus den Augen.
Bald glitten fremde Häuser an ihm vorbei, karge Gemäuer und Bäume, der Fluss wurde zum reißenden Strom, der Raoul weit von seinen Lieben entfernte.
In der Hoffnung, dass seine Suche bald zu Ende sein würde, rollte er sich zusammen und schlief ein.
Als er wieder erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Eigenartige Vögel kreisten schrill kreischend über ihm, und als Raoul den Kopf hob, erkannte er, dass er von Wasser umgeben war. Mit einem Mal schwand sein ganzer Mut und er bekam schreckliche Angst.
Wie sollte er wohl von hier aus jemals wieder nach Hause finden, wenn es ihm gelänge, seine Christine zu finden?
Traurig starrte er auf die weiße Gischt, die sich an einem großen Felsen brach, der aus dem Wasser ragte. Da entdeckte er eine wunderschöne junge Frau, die auf dem Gestein saß und ihr goldenes Haar kämmte. Sie trug eine Kette aus Algen und Muscheln und statt Beinen hatte sie einen Fischschwanz.
Der Junge fasste sich ein Herz und ruderte nun mit den Händen das Boot auf den Felsen zu, während er die Nixe anrief.
Bald entdeckte sie ihn, ließ von ihrer Beschäftigung ab und lächelte freundlich.
“Du armes Menschenkind”, sprach sie voller Mitleid, denn Raoul sah wirklich erbärmlich aus. “Wie bist du nur auf den großen Strom hinausgeraten und aufs Meer getrieben worden?” Damit ließ sie sich ins Wasser gleiten, um mit einer geschmeidigen Bewegung vor dem Boot wieder aufzutauchen und Raoul über die blasse Stirn zu streichen. Ihre Hände waren angenehm kühl und Raoul war froh, endlich jemanden zu finden, der mit ihm sprach.
“Mein Vater ist der König dieses Meeres und für lange Zeit auf Reisen. Meinen Schwestern und mir ist so langweilig, da kommst du gerade recht. Ich nehme dich mit und du erzählst uns, wer du bist und wie du hierher kommst!” beschloss sie. So griff sie das Boot und zog es mit sich.
Bald gelangten sie in einen prächtigen Palast, von dem nur die Zinnen aus dem Wasser ragten. Den Jungen packte die Angst, als die Nixe ihn aufforderte, ihr zu folgen, doch bald stellte er fest, dass er in ihrer Gegenwart ganz herrlich unter Wasser atmen konnte, so als hätte er Kiemen wie ein Fisch.
Die Nixe ließ die fantastischsten Speisen für ihn auftragen und nachdem Raoul gegessen hatte, erzählte er der Nixe und ihren drei Schwestern seine Geschichte.
Als er fragte, ob sie Christine nicht gesehen hätten, schüttelten die Wasserfrauen den Kopf, aber sie käme sicher noch, Raoul solle nicht traurig sein und mit ihnen spielen.
Dann zogen sie ihn mit sich, kämmten sein Haar und erzählten ihm alberne Legenden aus der Meereswelt. Und je länger sie sich mit ihm beschäftigten, desto mehr vergaß Raoul seine Gespielin Christine, denn die Nixen konnten zaubern. Sie waren keineswegs böse, doch sie waren einsam und sehnten sich nach einem Gefährten. Deshalb wollten sie den kleinen Raoul gerne behalten.
Weil sie aber fürchteten, dass Raoul sich, sobald er Musik hörte an seine Freundin erinnerte, verbannten sie jegliche Instrumente aus dem Palast und verboten den Gesang. Und so verlebte Raoul eine wunderbare Zeit bei den Wasserfrauen, ohne Gedanken an Christine oder seine Suche.
Bald geschah es, dass Raoul mit einer der Schwestern an die Oberfläche schwamm, um den Sonnenuntergang zu betrachten.
Da saß ein alter Mann am Ufer des Flusses und spielte auf einer Fidel. Als der Junge das Lied vernahm, traten Tränen in seine Augen und er konnte sich wieder an Christine erinnern. Traurig über die Täuschung der Nixen sagte er:
“Wie lange bin ich nun schon aufgehalten worden. Ich wollte doch meine Christine suchen!”
Und er wandte sich von der Nixe ab, kletterte ans Ufer und lief, so schnell ihn die Füße trugen, davon.
“Wenn das Wasser mir meine Freundin nicht genommen hat, so finde ich sie vielleicht an Land. Womöglich gibt sie der Wald nicht wieder her!” dachte er sich.
Bald schon gelangte er in das dichte Gehölz, und es wurde immer kälter und dunkler. Wölfe heulten und manchmal glaubte er, kleine Augen aus den Farnen blitzen zu sehen. Da beeilte er sich umso mehr, denn er hatte schon so viel Zeit bei den Nixen verloren.

~

Vierter Teil, welcher von Feuervögeln und Elfen erzählt

Bald musste Raoul sich abermals ausruhen. Da ließ sich ihm zu Füßen ein wunderschöner Vogel mit rot-goldenem Gefieder nieder, das glänzte wie die Glut eines Lagerfeuers. Nachdem das Tier den Jungen eine Weile stumm beobachtet hatte, legte es den Kopf schief und krähte laut.
Und Raoul verneigte sich höflich, um dem Vogel einen guten Abend zu wünschen.
“Wohin des Weges, so allein?” sprach der Vogel. “Der dunkle Wald birgt viele Wunder und Gefahren.”
Das Wort ‘allein’ stimmte den Jungen betrübt und so erzählte er dem Tier sein Leben und vom Verlust seiner lieben Spielgefährtin. Schließlich fragte er hoffnungsvoll, ob der Vogel sie nicht vielleicht auf seinen Reisen gesehen habe.
“Vielleicht.” war die Antwort.
Vor lauter Freude hätte Raoul das Tier fast totgedrückt. Also war Christine doch noch am Leben!
“So gib doch Acht, denn wenn du mich erstickst, findest du sie nicht wieder!” mahnte der Feuervogel. “Ja, vielleicht ist es deine Christine gewesen, die ich gesehen habe, aber jetzt hat sie dich sicher über ihren Prinzen vergessen.”
“Ein Prinz?” keuchte der Junge entsetzt und wurde ganz bleich.
“Ich werde dir erzählen, was ich weiß”, fuhr der Feuervogel fort, indes er sich an Raouls Seite schmiegte. “In dem Wald in dem wir uns befinden, lebt ein Elfenprinz, der nicht nur klug, sondern auch schön ist. Jede Pflanze und jedes Tier ist ihm zu Diensten und das mit Freuden, denn er ist ein sehr gütiger Prinz. Aber er war auch sehr einsam. Und seine Berater drängten ihn, sich alsbald zu vermählen. Doch es gab etwas, das dem Prinzen so lieb war, wie der Wald, über den er herrscht, und das ist die Musik. Also stellte er die Bedingung, dass seine Prinzessin die sein würde, die ihn mit ihrer wunderschönen Stimme bezaubern konnte. Die Mädchen strömten nur so herbei, aber sobald sie der Anmut des Prinzen gewahr wurden, brachten sie keinen Ton mehr hervor. Am dritten Tage endlich kam ein Mädchen, dessen Kleidung ganz und gar zerrissen war, als hätte sie einen weiten Weg auf sich genommen.”
“Das war Christine!” rief Raoul und klatschte begeistert in die Hände.
“Nun sei doch still und lass mich meine Geschichte beenden! Das Mädchen trat vor den Prinzen und bat ihn nicht wie erwartet, sie zur Frau zu wählen, sondern verlangte lediglich eine Weile Obdach in diesem Wald, bis sie sich zur Weiterreise gestärkt habe. Es solle auch nicht umsonst sein, versprach das Mädchen und begann zum Dank sogleich wunderschön zu singen. Damit gewann sie des Prinzen Herz und heute schon ist ihr Hochzeitstag.”
Da klopfte Raoul das Herz so heftig in der Brust. Er sprang auf und bat den Feuervogel, ihn zu Christine zu führen. Niemand sonst konnte eine so schöne Stimme haben und er meinte, sie vor sich sehen zu können, wie sie den Prinzen durch ihren Gesang bezaubert hatte. Wenn sie doch bloß noch nicht vermählt waren! Das war eine Furcht und eine Freude zugleich.
Der Feuervogel führte Raoul durch wild wuchernde Farne und dichtes Gehölz zu dem Palast des Elfenprinzen, der in einen riesigen alten Baum gehauen war.
Die Hallen waren erhellt von Fackeln und überall duftete es nach Wiesenblumen und Heu. Ein Saal war prächtiger als der andere und auf seinem Weg entdeckte Raoul viele Wesen, die ihn freundlich und aufmunternd anlächelten, als wollten sie ihm Mut zusprechen.
Bald waren sie im Schlafgemach. Die Decke war das dichte Laub des Baumes und durch das Blattwerk konnte Raoul den nächtlichen Sternenhimmel sehen.
In diesem Gemach standen zwei Betten: das eine in dem der Elfenprinz schlief und gegenüber das, in dem Raoul nun seine Christine suchen sollte. Ja, er entdeckte tatsächlich dunkelbraune Locken und elfenbeinfarbene Haut.
Freudig sprudelte ihr Name über seine Lippen, hielt die Lampe über sie und erstarrte. Das Mädchen, das sich ihm nun zugewandt hatte war nicht Christine. Sie war jung und wunderschön, aber sie ähnelte der Freundin nur entfernt.
Da brach der Junge in bitterliche Tränen aus und der Feuervogel, der nicht von seiner Seite gewichen war, beeilte sich, dem Prinzen und der Prinzessin die Geschichte von Raouls Suche zu erzählen.
Der Bericht weckte solch tiefes Mitleid in dem Prinzen, dass er aus seinem Bett stieg und Raoul hinein legte, der alsbald eingeschlafen war.
Am nächsten Morgen badeten ihn Kammerdiener des Prinzen und hüllten ihn in die feinsten Stoffe. Er durfte mit dem Elfenprinzen und der Prinzessin am selben Tisch speisen und es fehlte ihm an nichts.
Als der Junge fort wollte, wartete bereits der Feuervogel auf ihn, um ihn auf seinem Rücken davonzutragen.
Der Elfenprinz und die Prinzessin winkten zum Abschied und Raoul musste geloben, mit Christine zurückzukehren, sobald er sie gefunden hatte.

~

Fünfter Teil, welcher von der Begegnung mit den Piraten berichtet

Der Vogel trug Raoul über die höchsten Klippen der Berge, bis sie so nah an der Sonne waren, dass sie sie beinahe berühren konnten. Das Gefieder des Feuervogels funkelte in den Strahlen wie die kostbarsten Juwelen.
“Rubine - Saphire!” tönten da Stimmen einiger Männer mit Säbeln und Augenklappen. Es waren Piraten, die auf ihren Drachen durch die Lüfte flogen, um arglose Reisende zu berauben. Sie zerrten grob an Raoul, und der Feuervogel, der ihn bis hierher gebracht hatte, konnte ihm nicht helfen.
“Seht seine kostbaren Gewänder! Er ist bestimmt ein Prinz und wird uns eine ordentliche Menge Lösegeld bringen.” sprachen die Luftpiraten.
Einer hob Jungen auf seinen Drachen und so flogen sie in die Festung der Piraten, die ein schweres Schiff war, das an einer besonders großen Wolke ankerte.
Aus einem der Bullaugen blitzen den Männern pechschwarze Augen entgegen und bald tauchte ein Junge mit zerrissenen Kleidern, ebenholzfarbenem Haar und faulen Zähnen auf.
“Da hast du einen neuen Spielgefährten”, sprach das Oberhaupt der Piraten zu ihm, während er Raoul grob auf das Schiff stieß. “Geh besser mit ihm um, als mit dem letzten, denn der Junge soll uns noch reich machen.”
Der Piratenjunge fasste Raoul an der Hand und zog ihn in seine Kabine, wo er eine stattliche Sammlung Säbel und Degen aufgereiht hatte.
Durch das Bullauge konnte Raoul außerdem einen besonders großen Drachen entdecken, der allerdings nicht halb so furchteinflößend drein blickte, wie die Wesen, auf denen die Piraten ihn entführt hatten.
“Das ist alles mein,” sagte der Piratenjunge mit einer weitreichenden Handbewegung, “Und der Drachen da draußen, das ist mein lieber alter Mot. Ich habe ihn schon seit ich auf der Welt bin und mag ihn sehr gern.”
Da nickte Raoul und erzählte dem Piratenjungen, dass auch er einmal eine solch treue Gefährtin gehabt habe, die ihm sehr fehle und nach der er nun suche.
Und der Drache fauchte vor dem Bullauge, während die Nacht hereinbrach. Aber Raoul konnte kein Auge zutun, denn der Piratenjunge schlief stets mit einem Säbel in der Hand und schloss nur ein Lid.
Droben auf Deck tranken die alten Piraten Grog und sangen verdorbene Lieder.
Da sprach der Drachen vor dem Bullauge: “Ich habe Christine gesehen. Der Geist der Musik trug sie auf seinen Armen in sein unterirdisches Reich.”
“Was sagst du da? Wo liegt dieses Reich?” rief Raoul.
“In den Bergen, in einer Höhle, die tief unter die Erde hinabreicht.”
“Oh meine liebe Christine!” seufzte Raoul.
Aber da blinzelte der Piratenjunge und der Säbel zuckte so heftig, dass Raoul nicht mehr wagte, sich zu regen.
Erst am Morgen berichtete Raoul ihm, was der Drache Mot erzählt hatte. Der Piratenjunge nickte grimmig.
“Meinetwegen. Findest du diese Höhle noch einmal, Mot?”
“Wer könnte das besser als ich? In dieser Höhle bin ich geboren und habe meine ersten Flügelschläge geübt.” antwortete der Drache.
Da entließ der Piratenjunge schweren Herzens seinen Spielgefährten und den Drachen. Weil die alten Piraten aber in der Nacht so viel getrunken hatten, merkten sie nichts von dieser Flucht.
Raoul und Mot reisten durch Wüsten und Moore, bis sie schließlich zu der Höhle gelangten, von der der Drache gesprochen hatte.

~

Sechster Teil, in dem die Suche endet

Den letzten Weg nach unten musste Raoul allein antreten, weil der Drache zu groß und schwer für die schmale Öffnung in der Felswand war, hinter der in Stein gehauene Stufen in die Tiefe führten.
Hunderte Fackeln erhellten die Treppen und obgleich es so heiß war, als würde er direkt durch die Höllenfeuer wandern, war Raoul erfüllt von Kälte. Er erreichte bald Säle, die riesig aber vollkommen leer waren. Von Ferne konnte er Musik vernehmen und beschleunigte seine Schritte, denn er erkannte die Stimme der jungen Frau. Ewigkeiten mussten vergangen sein, seit er sie zuletzt gehört hatte. Nun klang sie merkwürdig gequält und erfüllt von einem nicht fassbaren Schmerz.
Raoul war außer Atem, als er den letzten Saal erreichte. Dort stand Christine, ganz bleich und zitternd. Sie sang zu den Klängen einer wunderschönen, gigantischen Orgel auf der eine schwarze dürre Gestalt spielte.
Oh, wie gern hätte Raoul die Freundin in die Arme geschlossen und ihr die Trauer, die in ihren Augen lag, einfach weggeküsst.
Eine wunderschöne Männerstimme berichtigte die Fehler, die der erschöpften Sängerin immer wieder unterliefen. Das junge Mädchen schien die Anwesenheit des Freundes nicht einmal wahrzunehmen, man hätte meinen können sie sei blind, denn er stand ja so nah bei ihr.
Da fasste er sich ein Herz, fiel ihr um den Hals und rief:
“Meine liebste Christine. Nun habe ich dich doch endlich gefunden!”
Aber Christine blieb weiter vollkommen regungslos. Ihr Blick war auf den Mann gerichtet, der nun neben der Orgel stand, fast so, als erwarte sie eine Anweisung, wie sie sich zu verhalten hätte.
Als sie ihn nun aber nicht mehr erkannte, weinte Raoul bittere Tränen und küsste ihre Wange, die alsbald rosig wurden. Nun erkannte Christine den Freund wieder und schloss ihn in die Arme.
“Liebster Raoul. Wo bist du nur so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?” Und sie sah sich um. “Wie dunkel es hier doch ist.”
Dann erblickte sie den Mann, der noch immer nicht gesprochen hatte, der ihr aber hilflos eine Hand entgegenstreckte und dessen Gesicht vollkommen entstellt war. Das Mädchen schauderte nicht, wie es der Freund an ihrer Seite tat, sondern trat mutig auf den Mann zu, ehe Raoul sie zurückhalten konnte.
Ihre Lippen berührten die Hand des Mannes, über dessen Wangen nun zwei dicke Tränen rannen.
“Leb wohl”, sagte sie.
Der Mann aber blieb stumm. Doch als Raoul seine Christine mit sich aus dem unterirdischen Reich zog, hielt er sie nicht zurück. Während das Mädchen zauderte, drehte sich Raoul nur ein einziges Mal um.
Der Mann schaute ihnen nach und seine Lippen formten unablässig Worte, die niemals laut über seine Lippen kommen sollten. Als Christine die letzte Stufe hinter sich gelassen hatte, wandte er sich ab, um eine nach der anderen die Pfeifen der kostbaren Orgel zu zerbrechen, die ihm einst so wichtig gewesen war.
Bald fanden Christine und Raoul den Drachen Mot wieder, der vor der Höhle auf sie gewartet hatte. Auf Mots Rücken gelangten sie in die Heimat. Und auf ihrem Weg begegneten sie dem Piratenjungen, dem Elfenprinzen und den Nixen und allen musste Raoul von seinen Abenteuern berichten.
Doch obgleich Christine und Raoul Hand und Hand gingen, war es stets Raoul der erzählte. Das Mädchen schwieg.
Als sie den Hof von Christines Vater endlich erreichten, waren sie erwachsene Menschen und der Frühling war eingekehrt. Die Freude über ihre Rückkehr war groß und als ein Jahr vergangen war, wurde zünftig Hochzeit gehalten.
Bald hatte Raoul die karge Düsternis im Reich des Geistes der Musik vergessen. Aber aus Christines Augen war der traurige Blick niemals wieder gewichen und wann immer sie sich allein glaubte, konnte man sie die gleichen drei Worte formen sehen, die der Geist der Musik bei ihrer Flucht nicht laut aussprechen konnte: Ich liebe dich.

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