Montag, 18. Juni 2012

Phanfiction: Join me in Death (2007)

Anmerkung vorweg: 2007 war relativ unproduktiv auf meiner phantomigen Seite. Das lag vor allem an anderen Projekten wie “3:36” und Co-Porduktion. Trotzdem habe ich auch in diesem Jahr am Dark-Phanfiction-Contest teilgenommen.

Join me in Death

(2007)

Seine langen dürren Finger graben sich in ihr aufgelöstes Haar. Fingernägel schaben über ihre Kopfhaut. Sie spürt es, aber sie ist unfähig, vor Schmerz zu schreien. Noch immer ist ihr Mund zu einem lautlosen Ausstoß des Entsetzens geöffnet, ihre Augen sind auf das Gesicht gerichtet, das sich hinter der Maske verbirgt. Wie konnte sie nur glauben, dass sie hinter solch einer wunderschönen Stimme ein ebenso perfekt geformtes Gesicht verbirgt? Jede Schönheit braucht ihren Ausgleich, hat ihr Vater immer gesagt.
“Hast du noch nicht genug gesehen? Nun vielleicht glaubst du ja, auch das ist noch eine Maske! Eine Maske unter der Maske!” Eine Hand noch immer in ihre Locken gekrallt, nimmt er ihre Rechte und legt sie an seine eingefallene Wange, die kühl und klamm ist.
“Bitte, Monsieur…” jammert sie mit gebrochener Stimme. Doch er lässt sie nicht los und zwingt sie dazu, ihre Finger in das Fleisch seines Gesichtes zu drücken, daran zu reißen.
Tränen steigen ihr in die Augen. Sie wünschte, sie wäre wieder Zuhause. In ihrem Zimmer mit den Blumen auf den gekalkten Wänden, mit den Puppen – Clara, Alice und Baptistine – neben ihrem Kopfkissen, die sie schon längst hätte in die Truhe räumen sollen, weil sie mit 16 Jahren doch schon viel zu alt für derlei Kindereien ist.
“Ich will nach Hause zu meinem Papa!” schluchzt sie mit bebender Unterlippe und wendet den Blick ab.
Sein Körper versteift sich und endlich lässt er von ihrem Haar ab. Hastig kann sie ihm ihre Hand entziehen, wagt es jedoch nicht, vor ihm zurückzuweichen, oder sich zu rühren.
“Du wirst nie wieder nach oben gehen, Christine! Du gehörst jetzt ganz allein mir!” zischt er durch die zusammengebissenen Zähne.
Ewigkeiten scheinen zu vergehen, in denen niemand von ihnen etwas sagen kann, oder sich rührt. Dann zieht Christine geräuschvoll die Nase hoch und verbirgt ihr Gesicht in ihrer Armbeuge.
“Aber… wollten Sie mich nicht einfach nur unterrichten? Ich…ich will jetzt nach Hause! Mein Papa wird nach mir suchen!”
“Dein Papa ist krank, Christine. Ohne deine Pflege ist er nicht in der Lage, das Bett zu verlassen oder sich zu verständigen, wahrscheinlich ist er in ein paar Tagen sowieso tot.”
Als sich ihre Unterlippe erneut vorschiebt und die Augen mit Tränen füllen, packt er sie am Arm und reißt sie auf die Füße.
“Lassen Sie mich gehen, Monsieur! Haben Sie denn gar kein Herz?”
“Hätte ich keines, meine Liebe, wärst du vermutlich nicht hier. Und jetzt geh mir aus den Augen, du hast für heute genug Schaden verursacht.” Er kann spüren, wie sehr sie unter seinem Griff zittert, aber es kümmert ihn nicht. Er hat gewusst, dass sein Plan ihm entgleitet, als sie schon bei seinem maskierten Anblick ohnmächtig zusammensank. Und nun – wo sie sein Gesicht kennt – schreckt sie sogar vor seiner Berührung zurück. Hätte er sich nur in ein anderes Mädchen verliebt – oder noch besser: gar nicht! Dann wäre er längst tot und begraben, statt sich mit der Frage herumzuquälen wie… Ihr erneutes Schluchzen reißt ihn aus seinen Gedanken. Er verstärkt den Griff seiner Finger und zerrt die sich sträubende Christine hinter sich her.
“Bitte tun Sie mir nichts! Ich… ich mache auch alles, was Sie von mir verlangen…” wimmert sie leise, als er dir Tür zu ihrem Zimmer öffnet und sie zum Bett zerrt. Er sieht sie verächtlich an, ehe er sie unsanft los lässt und sich abwendet.
“Ich bin mir sicher, ich werde auf dein Angebot zurückkommen.” murmelt er und kann in dem Spiegel ihres Frisiertisches erkennen, wie sie zusammenzuckt. Sein Mundwinkel zuckt einen winzigen Moment. Er kann sich denken, welche Szenen sie sich ausmalt, aber er hat keine Muße sie zu beruhigen. Außerdem würde sie der wahre Grund ihrer Anwesenheit sicher noch deutlich mehr verstören. “Ich wünsche dich nicht mehr zu sehen, bis du dir im Klaren darüber bist, was du getan hast und es bereust!” fährt er ruhig fort und fördert einen Schlüssel aus dem Nichts zutage. Ihre aufgerissenen Augen folgen seiner Hand ängstlich und er ahnt, dass sie gleich wieder zu weinen und schreien beginnen wird, wenn er die Tür zu ihrem Gefängnis verschließt.
Und so ist es. Den Rufen folgen die erstaunlichsten Flüche, das Trommeln ihrer Fäuste gegen die Wände. Er lehnt sich gegen die Tür und schließt die Augen, um ihr zu lauschen, während sein Herz so laut pocht, dass er es in seinen Ohren hämmern hört.
“Lassen Sie mich sofort frei, Sie Scheusal!” tönt es von drinnen.
“Das Beleidigen des Gastgebers ist nicht unbedingt einer der klügsten Schachzüge, um deine baldige Freiheit zu erwirken, meine Liebe.”
Wieder schlägt sie gegen die Wände und schreit vor Entrüstung und Schmerz.
“Sie haben gesagt, Sie würden mich lieben, Monsieur. Was sind Sie für ein kranker Mann, wenn Sie Ihre Angebetete in einem Zimmer gefangen halten, das nicht einmal ein Fenster hat?”
Langsam blinzelt er und fährt sich durch das schüttere Haar.
“Du wirst alles bald verstehen.”
Stille. Dann ein ohrenbetäubendes Krachen von innen, sodass ihm für einen Augenblick der Atem stockt, bis er schließlich ihre aufgebrachte Stimme hört:
“Diese lächerlichen Türen sollte man dem Schreiner um die Ohren schlagen.”
“Was war das, Christine?” fragt er, darauf bedacht, das Beben in seiner Stimme zu unterdrücken.
“Ein verfluchter Stuhl!”
Der Ankleiderstuhl seiner verstorbenen Mutter – eines der wenigen Möbel, die ihm von ihr geblieben sind. Hastig wendet er sich ab und lässt sie allein zurück, ehe er versucht ist, ihr vor der Zeit etwas anzutun. Er würde es bereuen, seine einzige Chance, das Geheimnis zu lüften, vertan zu haben

~

“Wenn ich Ihnen schwöre, nicht mehr zu weinen, sobald Sie in meine Nähe kommen – lassen Sie mich dann wieder nach Hause?” Wie durch eine Watteschicht dringt Christines Schluchzen zu ihm. Erik strafft seine Schultern, ohne sich zu dem verriegelten Zimmer umzudrehen.
“Nein, meine Liebe, auch dann werde ich dich nicht gehen lassen.”
“Wenn ich Ihnen einen guten Handel bieten kann, würden Sie dann wenigstens darüber nachdenken, mich zurückgehen zu lassen?”
“Vielleicht ist es für mich selbstverständlich dass du nicht in Tränen ausbrichst, sobald dein Gastgeber das Zimmer betritt!” faucht er zornig.
“Dann sagen Sie mir doch, was Sie von mir verlangen, verdammtnochmal!”
Nur schwer kann er sich zurückhalten, seine Faust nicht auf die Holztür niederzuschlagen. Was maßt sie sich an, in diesem Ton mit ihm zu reden? Er hat sie aus dem Chor geholt und ihr die Chance gegeben… Es ist Zeit, dass sie sich dafür erkenntlich zeigt. All die Stunden, die er ihr geschenkt hat – ihr und ihrer Stimmbildung. Das alles hatte nur ein Ziel. Sie hierher zu bringen. Mit ihr an diesen Punkt zu kommen, an dem es nun kein Zurück mehr gibt.
“Du wirst es wissen, meine Liebe. Du wirst es wissen.”
“Sie sind ein Scheusal. Warum haben Sie mich hierher gebracht?” Als keine Antwort kommt, fährt sie fort: “Warum sperren Sie mich hier ein?”
Ein amüsiertes Grinsen zieht seine Mundwinkel nach oben.
“Christine, ich seziere gerne Frauen. Wusstest du, dass ich wahnsinnig bin??”
Damit wendet er sich ab und überlässt sie ihren Flüchen und Tränen.
Stunden vergehen, in denen sein Orgelspiel ihre Stimme übertrumpfen muss. Irgendwann ist sie wohl heiser und verstummt. Träge wendet er sich auf seinem Schemel um und lauscht, beschließt, ihr einen Tee zu bringen, sofern sie das denn wünscht. Ein dickes Buch unter den Arm geklemmt, schleicht er betont langsam zu ihrem Zimmer, legt sein Ohr an die Tür und lauscht.
“Ich will nach Hause. Ich… ich habe solche Angst dass er mir etwas antut.” dringt es von drinnen gedämpft zu ihm. Für einen Augenblick meldet sich sein Gewissen. Er hätte ihr nicht solche Angst machen dürfen. Sie ist doch nur ein Kind. In den letzten beiden Tagen hat sie ihren Vater und ihr altes Leben verloren – durch ihn. Er hat sich nie vorgemacht, dass sie ihn lieben könnte, deshalb hat er sich nie die Mühe gemacht, sie mit übermäßiger Freundlichkeit zu bedenken, die für ihn ohnehin nur eine Quälerei gewesen wäre. Aber dabei hat er wohl vergessen, dass er ein furchtbares Gesamtbild für sie abgibt, jetzt, wo sie weiß, wie er aussieht.
Langsam hebt er die Hand an die Tür und klopft schließlich.
“Christine? Wenn du mir versprichst, wirklich nicht zu schreien oder zu weinen, werde ich dich jetzt aus deinem Zimmer lassen.”
Ein leises Schniefen ertönt. Tatsächlich scheint sie eine ganze Weile überlegen zu müssen, ehe sie schließlich zustimmt.
Also öffnet Erik und betrachtet das Mädchen, das in der hintersten Ecke des Raumes an die Wand gedrückt steht und ihn aus rotgeweinten Augen anstarrt. Ihre aufgeplatzten Lippen beben bedrohlich, sodass sich seine Hand für wenige Sekunden erneut um den Knauf schließt.
“Was… haben Sie jetzt mit mir vor…M…Monsieur?”
Es versetzt ihm einen Stich sie mit diesem einfachem Wort so kämpfen zu hören.
“Nun, ich werde mich jetzt mit dir vor den Kamin setzen und dir aus meinem Lieblingsbuch vorlesen. Du wirst mir zuhören, das ist wichtig!” ermahnt er sie.
“Na.. natürlich. Und dann werde ich…” Sein drohender Blick lässt sie verstummen.
“Victor Hugo. Ich denke, der Name ist dir geläufig, meine Liebe?”
“Sicher.” Aus dem Augenwinkel nimmt er wahr, wie sie sich langsam entspannt und umsieht, schließlich sogar wagt an ihm vorbeizutreten und sich am Kaminfeuer zu wärmen.
“Dann kennst du womöglich auch ‘Notre Dame de Paris’?” hakt er nach.
“Ich habe davon gehört.”
Seine knochigen Finger fahren über den Buchrücken.
“Der bucklige und grausam entstellte Quasimodo liebt die Tänzerin Esmeralda. Doch er kann ihre Hinrichtung am Galgen nicht verhindern. Zwei Jahre später findet man zwischen Leichenresten zwei Skelette, eng umschlungen. Für die Totengräber scheint es offensichtlich, dass der eine sich niederlegte, um neben der anderen Leiche zu sterben. Als man versucht, die Skelette zu trennen, zerfallen beide zu Staub, der sich untrennbar vermischt.” Mit einem Lächeln auf den verzerrten Lippen, schließt Erik einen kurzen Moment die Augen. Ein Fehler…
Er spürt, wie ihm der Schürhaken die Maske vom Gesicht reißt und in seine Haut eindringt. Halb benommen sieht er Christine davonlaufen. Unter Aufwand all seiner Kräfte, stemmt er sich auf die Beine und erreicht sie mit wenigen Schritten.
“Du!”
Sie hat ihn verraten. Schon wieder! Zuerst will sie sein Gesicht sehen und nun flieht sie vor ihm! Wie kann sie nur so falsch sein und er ist nicht in der Lage es zu merken? Die Liebe macht ihn offensichtlich leichtsinniger, als er dachte. Sie schreit, doch dieses Mal kann er sie übertönen. Es war dumm, sie frei zu lassen. Unglaublich dumm! Und ein weiterer Fehler darf nicht geschehen. Er muss es jetzt tun. Keine Zeit mehr verlieren…
Grob zerrt er sie hinter sich her, drückt sie auf einen Stuhl und fesselt sie mit einem Strick, den er findet.
“Ich habe nicht vorgehabt, das hier zu tun. Du zwingst mich dazu! Hörst du?!” keucht er, sein Gesicht so nah an ihrem, dass sie seinen Atem auf der Haut spüren muss.
Angestrengt presst sie die Lippen aufeinander, um keinen Laut mehr von sich zu geben. Seltsamerweise macht ihn gerade das noch wütender.
“Ich hätte dich besser behandelt, ich hätte Kleider für dich in Auftrag gegeben, die du hättest tragen können. Morgens wäre ich zu dir gekommen und hätte gesagt: ‘Zieh an, was dir am besten gefällt, meine Liebe, Wir wollen ein netter Anblick sein, wenn wir jetzt durch die Stadt gehen.’” Das Blut rinnt aus der Wunde auf seiner Stirn in sein Auge. Mit einer beiläufigen Geste wischt er es mit dem Handrücken weg. “Aber was machst du? Du versuchst wieder und wieder…” Seine Faust trifft die Wand in ihrem Rücken. “…vor mir zu fliehen! Vor mir! Glaubst du, wenn auch nur die geringste Chance bestünde, mir hier zu entkommen, hätte ich dich frei herumlaufen lassen?”
Zornig wendet er sich ab, richtet zwei Kissen auf der Chaiselongue, hängt den Schürhaken zurück in den Ständer, ehe er den Vorhang vor der Tür zur Folterkammer öffnet.
“Aber auch meine Gutmütigkeit hat Grenzen!”
“Erik, was… was haben Sie denn nur vor?” wispert Christine ängstlich. “Ich fürchte mich, wenn Sie sich so verhalten… Es.. es tut mir sehr leid, dass ich Sie verletzt habe.”
“Es geht nicht um das Loch in meiner Stirn, meine Liebe!”
Aus dem Regal fördert er das Holzkästchen zutage, öffnet es und betrachtet den Inhalt mit einem Anflug von Ruhe. Bald…
“Erik… Erik was haben Sie da?” Ihre Stimme bebt.
Hastig schließt er das Kästchen und hält Christines Blick stand.
“Nichts, das für dich von Interesse sein müsste.”
“Es sind doch nicht etwa Drogen?”
“Viel schlimmer!”
Sie zieht scharf die Luft ein und scheint nachdenken zu müssen. Als er sich in Bewegung setzt, die Tür zur Folterkammer aufschließt, lässt sie ihn nicht aus denn Augen.
Beinahe andächtig nimmt er die Schlinge aus dem Kasten und befestigt sie an einem metallenen Gebilde, das entfernt Ähnlichkeit mit einem Baum aufweißt.
“Dieses Lasso,” ruft er ihr zu, “habe ich mir für diesen ganz speziellen Anlass aufgespart. Oh bitte, hör doch mit dem Weinen auf! Ich kann dieses Schniefen nicht ausstehen!”
“Es sind die Fesseln, Erik. Sie schneiden mir in die Arme.”
“Unsinn. Du bist kaum fünf Minuten an diesen Stuhl gebunden! Wenn du dich nicht bewegst, verletzen sie dich nicht!” Kopfschüttelnd überprüft er den Knoten der Schlinge.
“Doch! Kommen Sie her und sehen Sie sich meine Handgelenke an! Sie sind ganz blutig!”
Zögernd setzt sich Erik in Bewegung. Sie hat nicht gelogen. Ihre Arme sind wundgescheuert. Ein wenig ratlos, kneift er die Augen zusammen.
“Wenn Sie mich jetzt losbinden, wird Ihnen doch nichts mehr passieren. Sie haben selbst gesagt, wenn ich fliehen könnte, hätten Sie mich niemals frei herumlaufen lassen.” Sie senkt den Blick. “Ich weiß, dass das hier die Strafe für mein schlechtes Verhalten Ihnen gegenüber ist, aber ich bitte Sie, schneiden Sie den Strick durch! Ich werde Ihnen nichts tun!”
Es muss der Anblick der Folterkammer sein, denkt er sich. Sie ahnt, was er vorhat und nun ist ihr egal, was mit ihr geschieht. Er wirft einen unsicheren Blick durch den Raum, bringt den Schürhaken an einen sicheren Ort und beschließt, dass nun nichts mehr als Waffe gegen ihn dienen kann. Dann erst befreit er sie.
Kaum steht sie auf den Beinen, schlingt sie beide Arme um ihn und zieht sich, auf den Zehenspitzen stehend an ihn heran. Erik keucht überrascht, will sie von sich schieben, aber schon schließt sich ihr Mund über seinem. Was zum Teufel ist nun in sie gefahren? Noch nie hat eine Frau ihn geküsst und er ist nie auf den Gedanken gekommen, von einer Frau zu erwarten dass sie… Warum kann er nicht aufhören zu denken? Warum kann er sie nicht in die Arme schließen und ihre Liebkosungen über sich ergehen lassen? Warum kann er nicht die Augen schließen und sich einbilden, dass sie es aus freien Stücken und nicht aus Angst vor dem Tod tut? Wieso kann er nicht anders, als sie anzustarren und ihr vor Ekel und Schrecken verzerrtes Gesicht betrachten statt sie zu schmecken? Sie hasst ihn. Tatsächlich. Er hat sie dazu gebracht, ihn so sehr zu verachten, dass sie alles tut, um von ihm fortzukommen. Und nun… nun verachtet er sie! Angewidert stößt er sie von sich. Als ihre Hand fast im selben Moment entsetzt an ihren Mund fährt, stürzt er sich auf sie. Seine Hände schließen sich um ihre schlanke Kehle, schütteln das ganze Mädchen.
“Wie kannst du es wagen? Du prostituierst dich für deine Freiheit! Du bist nicht besser als irgendeines der anderen Mädchen da oben, Christine. So sehr habe ich mich in dir getäuscht. Hast du überhaupt keinen Stolz? Kannst du nicht einmal deinen Tod würdevoll hinnehmen. Du wirst wunderschön aussehen. Ich werde mit dir an den See gehen! An den See, Christine! Ich habe sogar einen Ehering für uns beide. Und wenn man unsere Skelette in vielen Jahren finden wird, werden sie zu Staub zerfallen, der sich untrennbar vermischt! Untrennbar! Das Schicksal kettet dich unlösbar an mich!” Ihr Keuchen ist verstummt, doch er schüttelt sie noch lange, nachdem sie bereits leblos vor ihm liegt. So hatte sie nicht sterben sollen. Was soll er nun mit dem Strick tun, der auch Esmeralda getötet hat? Esmeralda, die Hexe, die alle Männer becirct hat. Nicht einmal der hässliche Quasimodo hat sich dagegen wehren können, aber sie muss ihn ebenso verachtet haben, wie Christine – die kleine Hexe – ihn, Erik, verachtet. Und dennoch war sie nach ihrem Tod nur sein.
Schulterzuckend erhebt er sich, holt die Schmuckschatulle mit dem Ehering aus dem Nebenzimmer, richtet Christines aufgelöste Locken. Mit Nadel und Faden näht er geschickt die zwei Knöpfe an die Bluse ihres Kleides, die sich während des Kampfes gelöst haben.
Eine Stunde vergeht, ehe er sie zum Seeufer trägt, ihr den Ring an den Finger steckt und sie in seine Arme schließt. Ein Gefühl des Friedens breitet sich in ihm aus. So also hat Quasimodo empfunden, als die Geliebte zum ersten Mal nicht vor ihm zurückgeschreckt ist.
Ja, denkt er sich, das ist tatsächlich ein schöner Tod.

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