Montag, 18. Juni 2012

Phanfiction: Scrooged (2006)

Anmerkung vorweg: Es stand einmal mehr ein Weihnachts-Contest an. Nachdem 2006 alles andere als schön geendet hat, war mir irgendwie nach etwas Lustigerem.

Scrooged

(2006)

Es ist Weihnachtsabend, der schönste Abend im ganzen Jahr. Das Wetter ist trostlos und statt in ein weißes Schneekleid sehen wir ganz Paris in dichten grauen Nebel gehüllt. Darüber hinaus herrscht eine so furchtbare Kälte, dass man nicht einmal einen Hund vor die Tür zu jagen wagt. Wenn es heute jemanden auf die Straßen verschlägt, so hat dieser jemand einen wirklich wichtigen Grund, der sich nicht aufschieben lässt. Nur wenige Kutschen rattern über das Kopfsteinpflaster der Avenue de l’Opéra die direkt zum beeindruckendsten Gebäude der ganzen Stadt führt: dem Palais Garnier.
Von Weitem können wir eine hagere Gestalt erkennen, die sich aus Richtung der Rue de Rivoli auf unsere Oper zubewegt. Er - denn es handelt sich um einen Mann, wie ich vorwegnehmen möchte - hat sich in einen dicken Mantel und einen langen, weißen Schal gehüllt. Den Hut trägt er tief ins Gesicht gezogen, wie es bei diesem Wetter wohl jeder tun würde. Der Wind schneidet ihm wie tausend spitze Nadeln in die Haut, sodass er seine Schritte noch beschleunigt. Rasch wechselt er auf die andere Straßenseite, ohne auf die Kutschen zu achten.
Wer ist dieser Mann? Will er etwa an diesem Abend die Oper besuchen - allein? Nein, das ganz sicher nicht. Folgen wir ihm also, am Haupteingang vorbei, um unsere Neugier zu befriedigen.
Die Hände in den Manteltaschen vergraben nimmt er auch vom Tor der Abonnenten keinerlei Notiz. Aber die Zielstrebigkeit, mit der er auf das Opernhaus zugelaufen ist, lässt nichts anderes annehmen, als dass er in dieses Gebäude gelangen möchte. Nun hat er es umrundet und seine Schritte werden langsamer, bis er schließlich an einem unscheinbaren Gittertor Halt macht. Jetzt können wir feststellen, dass er in seinen Manteltaschen keineswegs Schutz vor dem Frost gesucht hat. Nein, er fördert einen alten rostigen Schlüssel hervor, lugt vorsichtig über beide Schultern, als ahne er, dass wir ihn beobachten können und nun… öffnet er das Tor und schlüpft in die dahinterliegende Dunkelheit. Das ist in der Tat merkwürdig, denn jeder weiß, dass dies nicht der Weg ist, den man nimmt, wenn man eine Vorstellung besuchen will.
Der schwache Schein einer Laterne hilft uns, ihn wiederzufinden nachdem wir leise zwischen den Gitterstäben hindurchgehuscht sind. Er hat einen unteririschen See überquert und tritt nun ungeduldig vor einer Mauer auf und ab, so als warte er auf etwas. Etwas oder jemanden. Eine Liebschaft, die man in den Kellern trifft? Nein, wohl kaum. Welche Frau würde sich schon freiwillig an einem Ort aufhalten, an dem der Geruch leicht fauligen Wassers in der Luft hängt, während Kondenswasser von der hohen Decke in das Seebecken tropft? Hier lebt keine Frau – nein. Das letzte weibliche Wesen hat sich vor fünf Jahren hier aufgehalten und nun gibt es nur noch ihn, der keinen Besuch empfangen will. Schon gar nicht an einem Abend wie heute.
Die Wand schiebt sich geräuschlos auf und eine dunkle Gestalt taucht auf. Großgewachsen, schlank – ja ich möchte schon sagen ‘dürr wie ein Gerippe’. Bernsteinfarbene Augen mustern den Eindringling wenig erfreut, durch die zwei einzigen Öffnungen in einer schwarzen Stoffmaske, was unseren Fremden jedoch nicht abzuschrecken scheint.
“Bonsoir, Erik,” nickt unser Besucher seinem Gegenüber zu.
“Was soll an solch einem Abend gut sein? Und was in Dreiteufelsnamen treibt Sie zu mir, Daroga?” Das Knurren in Eriks Stimme zeugt nicht gerade davon, dass er sich über seinen ‘Besucher’ freut. Seit Jahren stellt der Daroga, wie man ihn nennt, Eriks einzigen Kontakt zur Außenwelt dar. Erik hat sich von der Welt zurückgezogen, weil sie ihn nicht ertragen konnte. Hinter seiner Maske verbirgt er nämlich ein schauriges Gesicht, dass es jedem Menschen unmöglich macht, ihn zu lieben. Und selbst die Frau, von der er sich erhofft hatte, sie würde anders sein, hat ihn allein gelassen. Und nun wird er niemanden mehr an sich heranlassen, außer dem Daroga, der das Nötigste für ihn besorgt. Aber auch den erträgt er heute nicht. Unser Besucher seufzt tief und zwingt sich zu einem Lächeln.
“Sehen Sie, an einem Abend wie diesem sollten auch Sie nicht allein sein.”
“Und aus diesem Grund fühlen Sie sich berufen, meinen Gesellschafter zu spielen?” Erik weicht nicht einen Schritt aus der Wand, um den Daroga eintreten zu lassen. Dem ist diese Situation vertraut, denn sie spielt sich Jahr um Jahr in derselben Weise ab.
“Die Angestellten der Oper haben nachher im Foyer de la Danse einen kleinen Umtrunk…”
“Ich bitte Sie! Werden Sie nicht albern!” murmelt Erik freudlos.
“Ich wollte Sie nicht bitten dorthin zu gehen,” entgegnet der Daroga mit einem Kopfschütteln, “Madame Giry bat mich, Sie darauf hinzuweisen, dass Sie Ihnen Ihr Geschenk wie jedes Jahr in Ihrer Loge hinterlegt hat und es wohl am günstigsten für Sie wäre, wenn Sie es während eben dieser Feierlichkeiten abholen.”
“Wie kommen Sie beide nur immer wieder darauf, dass ich Freude daran haben könnte, Weihnachten zu feiern? Ich will Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geschenke nicht. Wenn Sie mir wirklich einen Gefallen tun möchten – lassen Sie mir meine Ruhe!”
Was für ein unfreundlicher Griesgram! Das denkt sich wohl auch der Daroga, denn der macht für einen Moment den Anschein, aufgeben und gehen zu wollen. Doch dann dreht er sich noch einmal um.
“Es ist fünf Jahre her, dass Christine Sie verlassen hat. Niemand wird es Ihnen übel nehmen, wenn Sie an diesem einzigen Tag im Jahr einmal über Ihren Schatten springen und sich versuchen, zu amüsieren. Sie können auch an den übrigen dreihundertvierundsechzig Tage noch depressiv und abweisend sein.”
Erik schnaubt verächtlich und macht einen Schritt zurück, währen die Wand sich vor ihm zu schließen beginnt.
“Ich bin beinahe interessiert zu erfahren, was Sie mir im nächsten Jahr erzählen werden. Sie finden allein nach draußen.”
Und damit ist er verschwunden und der Daroga bleibt allein zurück. Mit einem resignierenden Schulterzucken wendet dieser sich ab und macht sich auf den Rückweg, wissend, dass er alles versucht hat, was Waffengewalt ausschließt. Er wird diesen Mann nie dazu bringen können, wenigstens am Weihnachtsabend zu vergessen, was geschehen ist.
Er nicht… Aber ich habe nun die Nase voll, mir dieses Schauspiel jedes Jahr aufs Neue anzusehen.
Die Dunkelheit umgibt ihn. Nur das fast erloschene Kaminfeuer sorgt dafür, dass ich nicht über ihn stolpere, als ich den wunderschönen Klavierklängen in ein Musikzimmer folge. Chopin – melancholisch. Natürlich. Ich habe nichts anderes erwartet. Einen Moment lang lausche ich, dann lehne ich mich gegen seine Chaiselongue und räuspere mich. Rasch hebt er den Kopf und sieht sich im Zimmer um, aber scheinbar erkennt er mich nicht. Oder er will es nicht. Nunja, also muss ich wohl wieder mächtig in die Trickkiste greifen, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Ich lasse einen Windzug durch die Geigensaiten streifen, der sie sanft zum Vibrieren bringt. Das Feuer erlischt. Und Erik… knurrt. Nichts weiter.
Also öffne ich die Tür zum Nebenzimmer, lasse sie einmal geräuschvoll zuschlagen und dann wieder aufspringen und schiebe drei Bücher aus dem Regal. Erik schüttelt den Kopf und spielt mit einem Knurren weiter Chopin. Na warte!
Einen Sekundenbruchteil später stehe ich an seiner Seite und schlage den Klavierdeckel über die Tasten.
“Vorsicht, Finger!”
Falls ich ihn erschreckt habe, kann er das verdammt gut überspielen. Er sieht eher zornig aus. Auch gut.
“Habe ich nun deine ungeteilte Aufmerksamkeit?” frage ich ihn mit einem süßlichen Lächeln.
Langsam erhebt er sich vom Klavierhocker und wendet sich der Zimmertür zu.
“Hallo, hier bin ich!” rufe ich ihm entgegen und schon befindet er sich im verschlossenen Raum. Konzentrieren wir uns auf meine unheilvollen Verkündung: “Du wirst von drei Geistern aufgesucht werden.”
“Was zum…”
“Naja gut, eigentlich bin ich die drei Geister und weil ich nicht viel Zeit habe, komme ich gleich jetzt.” Ich niese heftig. Die Lichter im Raum entzünden sich und so hat er noch einmal Gelegenheit, mich zu sehen. Erfreut sieht er nicht aus…
“Was willst du hier und wie bist du…”
“Ich bin ein Geist!” Ich hebe vielsagend eine Augenbraue und mustere ihn. “Du bist doch hier der Operngeist, du müsstest wissen, dass wir alles können.”
“Dann kannst du auch wieder gehen.”
“Du bist wirklich griesgrämig.” Ich schiebe die Unterlippe vor. “Ich wollte dich auf einen kleinen Ausflug mitnehmen.”
“Der Umtrunk findet ohne Phantom statt.”
Er hat sich noch immer nicht gerührt und mustert mich nun aus sicherer Entfernung. Wahrscheinlich überlegt er gerade, wie er mich am besten vor die Tür setzt. Ich kichere vergnügt und trete dann auf den Stapel mit den Notenblättern zu.
“Hast du das alles selbst geschrieben?”
Er nickt zögerlich.
“Du hast wirklich zu viel Zeit.” Ein Blick auf meine Taschenuhr sagt mir, dass dies bei mir nicht der Fall ist, also mache ich einen Schritt auf ihn zu – und er weicht zurück. “Stell dich nicht so an! Wir reisen jetzt in deine Vergangenheit und ich zeige dir deine bisherigen Weihnachten.”
“Ich danke dir vielmals, aber ich habe keinen Bedarf. Wenn du nun bitte meine Wohnung verlassen würdest. Fünf Stockwerke über uns gibt es ein paar Ballerinen, die du erschrecken kannst.”
“Hör mal, das ist mein Job. Ich bin nicht hier, weil ich Spaß daran habe, Leute zu belästigen.” protestiere ich.
“Tatsächlich?”
“Nein, war ne Lüge. Macht mir tierischen Spaß dir auf die Nerven zu gehen,” grinse ich fröhlich, während seine geballten Fäuste wieder bedrohlich zittern. “Lass uns das jetzt durchziehen und dann verschwinde ich.”
Er knurrt wieder. So langsam gewinne ich den Eindruck, dass er nur zwei Ausdrucksformen besitzt.
“Ich werde mir nicht noch einmal vergangene Weihnachten ansehen!” sagt er fest.
Ein Seufzen entweicht mir.
“Schön, spart auch Zeit. Also folgendes: Zweimal Gegenwart, einmal Zukunft, dafür aber keine Vergangenheit. Deal?” Ich klinge schon wie ein Reiseveranstalter!
Seine Bernsteinaugen mustern mich skeptisch.
“Ich weiß nicht, wovon du sprichst, aber wenn du mich danach wieder in Ruhe lässt…”
Und mit einem Niesen befinden wir uns fünf Stockwerke über den Kellergewölben. Ich hätte ihm das mit meinem Zauber erklären sollen, am Ende denkt er noch ich bin verschnupft. Er wär nicht der erste, der mir Taschentücher anbietet. Aber er verengt nur die Augen zu Schlitzen und mustert zuerst mich, dann das festlich geschmückte Foyer. Ballettratten und Bühnenarbeiter trinken Punsch und lachen, überall hängt der Duft von Gebäck in der Luft.
“Ich wollte nicht auf diese Festivität.” grollt es neben mir.
Genervt verdrehe ich die Augen.
“Du bist ein Miesmacher. Kuck mal wie sie sich amüsieren. Der einzige Tag an dem der Operngeist sie in Ruhe lässt. Da siehst du – die Direktoren? Wann hast du sie zuletzt so ausgelassen gesehen?”
Irgendwie beeindruckt ihn das Ganze nicht sonderlich.
“Du kannst dich übrigens ganz frei bewegen – die sehen dich nicht!”
Er runzelt ungläubig die Stirn, also packe ich ihn grob am Arm und ziehe ihn vor die Primadonna des Hauses, schneide Grimassen und schiebe einen Finger in meine winzige Stupsnase.
Nun sieht er auch noch angeekelt weg. Heute ist nicht mein Tag.
“Aber du glaubst mir, dass dich niemand sieht? Spectatormodus – wie bei Half Life.” flöte ich.
“Bitte was?”
“Vergiss es, ich bin dir hundert Jahre voraus.” Und wieder habe ich ihn am Handgelenk gepackt und ziehe ihn weiter.
“Bring mich zurück nach unten!”
“Nichtsda – Deal ist Deal.”
“Du bist ein Dämon!”
Ich lege den Kopf schief.
“Sagt mein Chef auch immer. Deshalb schickt er mich zu den besonders harten Fällen. So und nun kuck!” Ich deute auf die ältere, in schwarz gekleidete Dame, die mit einem Gläschen Likör gerade in Richtung der Logen verschwindet und reiße Erik mit mir, der nun mit Worten protestiert, die selbst ich mir verbiete in den Mund zu nehmen.
Die ältere Dame ist Madame Giry und der Mann, der nun an ihrer Seite auftaucht, ist niemand anderes als der Daroga. Ich pfeife beeindruckt.
“Ist dir schon mal aufgefallen, dass die auch ein nettes Paar wären?”
“Würdest du die Freundlichkeit besitzen und mich…”
“Erik!” unterbreche ich ihn tadelnd, “Immer wieder die gleiche Leier? Du gehörst jetzt mir für die nächsten Stunden und wenn du mir dumm kommst, kann ich noch ganz andere Sachen als diesen unsichtbaren Modus mit dir anstellen.”
Er grunzt unzufrieden, wendet sich dann aber wirklich den beiden Menschen uns gegenüber zu und schüttelt den Kopf.
“Sie amüsieren sich prächtig nicht wahr?” wispere ich kaum hörbar als Madame Giry ein lautes Lachen entweicht und auch der Daroga sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss.
Erik schüttelt den Kopf
“Warum feiert er überhaupt? Er ist doch Moslem!”
“Und deshalb darf er nicht einfach einen netten Abend mit Menschen verbringen, die er mag? Selbst seine andere Religion macht ihn nicht zu solch einem Miesmacher wie du einer bist.” Belustigt über seinen ärgerlichen Ausdruck gehe ich auf Giry und Daroga zu. “Was meinst du, soll ich?”
“Misch dich nicht in das Leben anderer ein. Lass uns in Ruhe!” faucht er gereizt.
Ein wenig wehmütig lasse ich davon ab Madame Giry und dem Daroga einen Liebeszauber auf den Hals zu hetzen, der wahrscheinlich sogar unserem Griesgram die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Naja, heute ist nicht alle Tage und es ist ja nicht so, dass ich jenseits von Weihnachten keine Zeit für solche Dinge hätte…
“Weißt du, jetzt gehst du mir langsam richtig auf die Nerven!” Ich baue mich vor ihm auf und reiche ihm in meiner vollen Größe gerademal bis zur Brust. Nicht das mich das frustrieren würde – ich habe andere Stärken.
“Das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Bringst du mich jetzt nach unten?”
“Nein!” zische ich. “Aber weißt du was? Ich hab gerade richtig Lust bekommen, an dir etwas ganz Neues auszuprobieren.”
Nun hab ich ihm wirklich ein bisschen Angst einjagen können, denn er macht einen Schritt zurück, ohne mich aus den Augen zu lassen.
“Ich weiß nicht ob mir das…” murmelt er.
“Oh ich bin mir sicher, das wird dir nicht gefallen. Aber ich bleibe ja bei dir.”
“Das beruhigt mich in keiner Weise.”

Ich lasse ihn die Worte nicht mal zu Ende aussprechen. Mit einem Niesen reisen wir an einen anderen Ort – weit fort von Frankreich und der Oper. Das Sonnenlicht, das vom Schnee reflektiert wird ist so grell, dass er für einen Moment die Augen schließt. Zufrieden betrachte ich mein Werk. Groß, gut gebaut, athletisch, gutaussehend. Ein Mann zum verlieben – wenn ich es könnte. Glücklich hocke ich mich neben das große Bett und warte. Schritte im Gang, Klopfen. Ich sehe, wie Panik in Erik aufsteigt und er sich hilfesuchend nach mir umsieht. Denkste, die Suppe hast du dir selbst eingebrockt.
“Wo sind wir?” flüstert er kaum hörbar und zuckt zusammen, als er seine eigene – naja seine neue Stimme hört.
Ich grinse und lege nur einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er macht einen zornigen Schritt auf mich zu und würde mir vermutlich sämtliche Haare krümmen, wenn er könnte. Doch da fällt sein Blick in den Spiegel, der hinter mir hängt. In seinem Gesicht wechseln sich Unglauben und Entsetzen ab. Er erkennt sich also wieder – ich bin ein Genie!
Gerade setzt er an, um mir wahrscheinlich etwas nicht sehr nettes zu sagen, als die Tür aufschwingt und Raoul eintritt. Er stutzt, als er Erik leichenblass vorm Spiegel stehen sieht und verschränkt dann die Arme vor der Brust.
“Wusste ich doch, dass du wieder versuchst, dich zu drücken.”
Erik ist zu keiner Antwort fähig und starrt nun den Vicomte mit offenem Mund an.
“Sag was und kuck nicht wie ein Fisch!” flüstere ich.
“Ich… ich…” stammelt Erik.
“Na das war geistreich!” kommentiere ich. “Dann doch lieber der Fischmund.”
Raoul tritt zu ihm und legt ihm die Hände auf die Schultern.
“Jedes Jahr versuchst du dich rauszureden, dabei weiß doch jeder, wie viel Spaß es dir macht.” Mit der Hand deutet er auf ein dunkles Kostüm mit Hirtenstab, das am Schrank hängt.
“Was…”
“Erik, treib mich nicht in den Wahnsinn!” fauche ich. “Wenn du nicht mitmachst, lass ich dich in diesem Körper und werde mich an jedem einzigen Tag darüber freuen, dass du die Sorelli davon abhalten musst, über dich herzufallen.”
“Père Noël?” murmelt Erik nun heiser.
Raoul schenkt ihm ein mitleidiges Lächeln.
“Das war wohl wieder eine lange Nacht. Ich werde die Kinder und Christine hinhalten, bis du laut durch den Gang polterst und das Glöckchen läutest.” Er grinst vergnügt.
“Christine…” Erik schluckt. “Wie… wie geht es ihr?”
“Ich glaube sie ist recht glücklich gewesen, bevor wir sie eben gemeinsam verlassen haben, damit sie die Kinder ankleidet.” Verwirrt zieht Raoul die Stirn kraus. “Dir geht es tatsächlich nicht gut.”
Erik nickt langsam.
“Aber ich werde euch schon… helfen.” würgt er hervor.
“Weiß ich doch. Ich versuche noch eine Viertelstunde Zeit zu schinden.” schmunzelt er, bevor er Erik noch einmal freundschaftlich die Schulter klopft und sich dann zum Gehen wendet. “Frohe Weihnachten, Brüderchen.”
“Ja ja,” knurrt mein Schützling nur, während der Vicomte sich nun Weihnachtslieder pfeifend entfernt. “Und du willst nun, dass ich dieses Kostüm trage und für sie Père Noël spiele?”
Stöhnend erhebe ich mich.
“Ich bitte darum.”
“Du bist ein grausames Biest, wenn du zulässt, dass ich Christine auf diese Weise wieder sehe.” brummt er, während er sich aus seinem Morgenmantel schält und in die dunkle Kutte schlüpft.
“Du willst mich schon wieder beleidigen!” seufze ich müde. “Und ich dachte, du hättest es kapiert.” Erst als er auch noch den falschen Bart angeklebt hat und noch griesgrämiger aussieht als zuvor, fange ich laut an zu lachen und krame meine Kamera hervor. “Bleib so. Das muss ich fürs Familienalbum festhalten!”
Ich komme natürlich nicht dazu, auf den Auslöser zu drücken, weil Erik sich mit einem wütenden Aufschrei auf mich stürzt. Die Rache folgt auf den Fuß – anderer Körper – andere Zeit. So nicht, mein Lieber!
Und dieses Mal lasse ich ihm nicht einmal die Gelegenheit, sich an seinen neuen Körper zu gewöhnen. Kaum angekommen stürzt sich eine kreischende wunderschöne junge Frau auf das Doppelbett, in dem ich Erik zurückgelassen habe.
“Schatz, das ist so lieb von dir!!!”
“Was ist denn jetzt schon wieder?” wimmert Erik nun beinahe verzweifelt, als die ihm unbekannte Frau ihn mit Küssen überhäuft. Seine Augen suchen nach mir. Schade, nicht mehr bersteinfarben und auch nicht Philippes strahlendes Blau. Braune Augen, Bartstoppeln, der leichte Ansatz eines Bauches. Meine Güte, ich gebs ihm wirklich dreckig.
“Willkommen im Jahr 2006, mein Lieber,” trällere ich und breite theatralisch die Arme aus. “Das ist die Zukunft, das ist meine Zeit. Cool oder?”
“Wer ist sie?” fragt er gegen die Umarmungen und Küsse an. Das Mädchen hält inne und folgt seinem Blick, findet aber niemanden außer sich und Erik.
“Rede nicht mit mir, sonst hält sie dich für verrückt.” grinse ich. “Ich gebe dir eine kurze Einweisung: In diesem Jahr ist die Geschichte vom Phantom der Oper auf der Theaterbühne 20 Jahre alt geworden. Überall auf der Welt läuft das bekannteste Musical – so was wie eine moderne Oper - über dich und deine Lieben. Und dann gibt es Leute, die dieses Stück vergöttern.” Ich deute auf das Mädchen, das ihn nun wieder beginnt zu küssen. “Mary-Sue hier zum Beispiel liebt es. Wenn ich mich richtig erinnern kann, hat sie das Stück schon hundertdreiunddreißig Mal gesehen – in diesem Jahr. Und gerade hast du ihr zu Weihnachten den hundertvierunddreißigsten Besuch geschenkt. Deshalb bist du wahrscheinlich der derzeit beliebsteste Partner unter den sogenannten Phans. Sie würde nur noch lauter kreischen, wenn es dir gelungen wäre, die Premierencast mit Sarah Brightman und Michael Crawford auf die Bühne zu holen.”
Mit sanfter Gewalt drückt Erik das Mädchen von sich und versucht, sich aus dem Bett zu erheben.
“Das ist ja… interessant.” murmelt er an mich gewandt, ohne Mary-Sue aus den Augen zu lassen, die bestimmt gleich zum nächsten Angriff übergeht.
“Oh du darfst mir nicht böse sein! Ich weiß ja, dass dus mir erst heute Abend geben wolltest, aber ich war doch so neugierig!!! Erik mag keine neugierigen Frauen, aber da bin ich doch froh dass du nicht wie er bist!”
Eriks Miene entgleist für einen kurzen Moment, während er langsam in meine Richtung zurückweicht.
“Meinst du an Weihnachten spielt jemand besonderes? Oh vielleicht ist der Komponist anwesend!!!”
Eriks Blick spricht Bände und erweicht mich. Es gibt kaum etwas, das mehr Nerven kostet, als diese Mary-Sue. Und so befördere ich ihn mit einem letzten Nieser endlich zurück in seinen alten Körper, in die Katakomben der Oper von 1886.
Mit einem Keuchen reißt er sich die Maske vom Gesicht und reibt sich über die Augen.
“Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen und noch einmal eine solch unheimliche Erfahrung zu machen – du bist sadistisch.”
“Hey, du bist aber auch sturer als Ebenezer Scrooge. Mir blieb keine andere Wahl.” Ich zucke mit den Schultern und lasse mich auf seiner Chaiselongue nieder.
“Und jetzt erwartest du von mir, dass ich Weihnachten mag und jedem Menschen nur noch Gutes tue?” Seine langen Finger gleiten gedankenverloren über die abgedeckte Klaviatur, während er auf die Asche im Kamin starrt.
“Das wäre erfreulich, aber die Illusion mach ich mir gar nicht. So oder so hast du heute Weihnachten gefeiert.”
“Und nun wirst du verschwinden?” fragt er erwartungsvoll.
Ich nicke.
“Übrigens hat Madame Giry dich auch dieses Jahr bebacken. Es wäre doch sehr nett, wenn du…” Ich presse die Lippen fest zusammen und schüttele den Kopf. “Tut mir leid, dass Christine dich verlassen hat.”
Er zuckt mit den Schultern.
“Es machte den Anschein, dass sie die Familie gefunden hat, die sie glücklich macht.” Es sollte mich wohl beruhigen, diese Worte von ihm zu hören, aber die Traurigkeit, die noch immer in seiner Stimme mitschwingt spricht Bände. Und dagegen, kann selbst ich ihm nicht helfen.
Statt einer Antwort löse ich mich auf. Ich bin noch immer an seiner Seite, aber er kann mich nicht mehr sehen.
Und so könnt ihr ihm mit mir folgen, wie er durch die Wohnung wandert, die Bücher, die ich aus dem Schrank gezogen habe, wieder ordentlich einreiht und das Feuer im Kamin schürt. Und dann, als endlich alles wieder so aussieht, als sei ich nie da gewesen, greift er nach seinem Umhang und verlässt die Wohnung.
Er ist nicht bei der kleinen Feier mit den vielen betrunkenen Angestellten zu finden. Unsere Suche führt uns an den lärmenden Menschen vorbei, zum Auditorium. Und dort, in Loge fünf, sitzt eine dunkle Gestalt und öffnet immer wieder den Deckel einer blechernen Keksdose und ihren Inhalt skeptisch zu begutachten. Erst als die Logentür aufschwingt und zwei lachende Gestalten eintreten, weicht er hinter einen Vorhang zurück, die Dose fest an sich gepresst. Das Lachen verstummt, als Madame Giry auf die nun leere Brüstung deutet und der Daroga ihrem Blick folgt.
“Das ist erstaunlich…” flüstert sie heiser.
“Es ist das erste Jahr, dass er tatsächlich gekommen ist, nicht wahr?”
Sie nickt langsam und lässt sich dann auf einem der roten Sessel nieder. Einen kurzen Moment herrscht Schweigen, dann meint der Daroga eine Bewegung hinter einem der dichten Stoffe zu erkennen, doch als er dahinterschaut, ist dort nichts mehr. Kopfschüttelnd lässt er die Hand sinken.
“Frohe Weihnachten, Erik.”

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