Montag, 18. Juni 2012

Phanfiction: November (2006)

Anmerkung vorweg: Eine meiner übelsten Phics, die ich anlässlich des Dark-Phanfiction-Contests 2006 geschrieben habe. Übel deshalb, weil sie dazu noch in einer nicht besonders glücklichen Zeit meines Lebens entstanden ist und ich eigentlich Ablenkung beim Schreiben hätte finden sollen. Wie man an der Handlung und Geschichte merkt, hat das nicht geklappt.

November

(2006)

Die Turmuhr schlägt gerade drei. Mein Gott, was ist das nur für eine furchtbare Nacht! Ich sitze nun schon seit zwei Stunden hier und starre auf diesen Bogen Papier, ohne in dieser Zeit auch nur ein einziges Wort geschrieben zu haben.
Die kleine Lotte dachte an alles und nichts… Ich habe das Gefühl, von Minute zu Minute mehr den Verstand zu verlieren. Um zehn Uhr habe ich mich Eriks Wunsch gemäß wie jeden Tag zu Bett begeben. Selbst jetzt wage ich es noch nicht, ihm zu widersprechen, und ich fürchte das würde sich nicht ändern, wenn ich seinen Antrag annehmen würde. Wie merkwürdig… Als Raoul vor ein paar Wochen um meine Hand angehalten hat, kam mir in den Sinn, dass ich mir seit Kindertagen vorgestellt hatte, wie mein Angebeteter vor mir kniet und mir in die Augen schaut. Aber Raoul öffnete nur die Schatulle. Ach, er hätte keinen ungünstigeren Zeitpunkt wählen können. Just nachdem ich ihm von Erik erzählt habe, nachdem wir uns beinahe wieder wegen ihm gestritten haben, da hielt er um meine Hand an. Ich war nicht in der Lage, etwas darauf zu sagen. Stattdessen habe ich seinen Ring an meine Kette gebunden und ihn verborgen, als würde ich mich dafür schämen, Raoul mit jeder Faser meines Körpers zu lieben. Und nun ist die Kette verschwunden! Ich weiß ganz genau, dass ich sie trug, als ich in Eriks Wohnung das Brautkleid anlegte. Ich muss sie da unten verloren haben. Und wenn Erik sie findet – was er ohne Zweifel wird… Ich habe ihn schon jetzt enttäuscht, obwohl ich ihm noch nicht sagen konnte, wie ich mich entschieden habe. Heute nach der Vorstellung soll ich noch einmal zu ihm zurückkehren. Selbst wenn meine Antwort nein lautet. Und ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll! Außerdem bin ich mir sicher, dass schreckliche Dinge geschehen werden, wenn ich ihn ablehne. Er hat mir solche Angst gemacht, dass ich ihn ausgesperrt habe.
Wie soll es dann erst sein, wenn er das Recht hat, mich zu berühren, wie es einem Ehemann gebührt – wenn er sich nicht länger des Anstandes halber zurückhalten muss? Wie kann ich mir sicher sein, dass er sich nach der Eheschließung noch daran erinnert, dass er mir versprochen hat, mich nie anzurühren? Ich weiß nicht, ob meine Gefühle stark genug sind, um seine Launen zu ertragen, das Morphium und seine schrecklichen Morde. Ich weiß nicht, ob ich ihn jemals so lieben könnte, wie ich Raoul liebe.
Vielleicht wird mich Erik gar nicht erst gehen lassen, wenn ich wieder bei ihm bin. Und genau das hat auch Raoul gesagt. Verzweifelt hat er mich heute Mittag auf dem Dach der Oper angefleht, mit ihm zu fliehen. Gleich nach der Vorstellung. Ich solle nicht zu Erik zurückkehren – ich könne ihm in meiner Garderobe einen Zettel hinterlassen, wenn es mir soviel bedeute. Und als ich Raoul in die Augen sah, wusste ich, dass er mehr Angst um mich, als um sein eigenes Leben hat, das Erik sicher auch bedroht, wüsste er nur, wie viel mehr ich für meinen Kindheitsfreund als für ihn empfinde. Ich habe nur genickt, als Raoul vorschlug, Paris noch heute Nacht für immer den Rücken zu kehren und irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Er versprach mir sogar, Eriks Versteck nicht zu verraten, wenn ich nur zulassen würde, dass er mich in Sicherheit bringt. Mein armer guter Raoul. Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen. Vor einem Jahr wäre ich dir bis ans Ende der Welt gefolgt, ohne auch nur einen Gedanken an irgendetwas oder jemanden sonst zu verschwenden. Doch nun kann ich deiner Bitte, der ich so leichtfertig zugestimmt habe, nicht so einfach nachkommen. Wenn ich Erik aber nun verlasse, werde ich mich jeden Tag fragen, wie es ihm wohl ergangen ist. Ich will ihn nicht verletzen und vor allem will ich auch Raoul nicht verletzen. Ich kann nicht bei ihnen bleiben. Und nach der vergangenen Nacht ist mir das noch klarer vor Augen getreten.
Mein schmerzender Kopf hat mir Bilder vor Augen geführt – Szenen, die geschehen könnten, wenn ich mich tatsächlich entscheiden würde, bei Erik zu bleiben. Dass er eifersüchtig sein kann, hat er mehr als einmal bewiesen. Oh ja, ich weiß wohl, dass er Raoul nachts aufgesucht hat im Chateau – dass Raoul auf ihn geschossen hat. Und ich bin mir sicher, das alles hätte kein Ende, selbst wenn ich die Frau an Erik Seite werden würde und er mich mit einem goldenen Ring an sich bände. Krankhaft darauf bedacht, mich zu kontrollieren, würde er Raoul immer wieder finden sobald er sich in Paris aufhält, er würde mich überallhin verfolgen und prüfen. Wie soll ich mit diesem Mann eine Ehe führen, wenn er mir doch schon jetzt so derart misstraut? Und was soll werden, wenn er in Raoul weiterhin den Konkurrenten um meine Liebe sieht? Er könnte ihn töten. Oh ja, ich weiß, dass er dazu in der Lage ist. Erik könnte jeden töten – nur mich nicht. Oder vielleicht…Wenn er spürt, dass ich auch nach vielen Jahren an seiner Seite seine Berührung nicht ertragen kann, wenn ich noch immer vor ihm zurückschrecke… Er wird beginnen, mich zu hassen, und wenn er mich hasst, wird er mich auch verletzen können. Am Ende wird es wohl besser sein, wenn er mich umbringt, denn seine Gesellschaft wird mich krank machen. Er wird mich in seiner Angst, mich an Raoul oder irgendeinen anderen verlieren zu können, einengen und am Ende nicht einmal mehr in die Oberwelt entlassen, damit ich auftrete. Ich würde jeglichen Kontakt zu anderen Menschen verlieren und dann so werden wie er. Durch ihn werde ich auf alles verzichten müssen, was mir etwas bedeutet. Irgendwann wird Erik selbst die Lust an meinem Gesang verloren haben und meine Gesellschaft wird ihn langweilen. Aber dann bin ich längst sein willenloser Apparat geworden, der nur noch funktioniert, wenn er befiehlt. Was soll ich dann noch dort oben?
Eine Flucht mit Raoul ist ebenso sinnlos, wie ein Nein. Erik wird es nicht akzeptieren. Er wird mich zu sich holen und einsperren. Was, wenn er auf die Idee kommt, Kinder mit mir zu wollen? Ich will keine Kinder mit diesem Mann! Ich will nicht, dass noch mehr Menschen dort unten in Angst leben müssen – ohne Tageslicht. Aber vielleicht wird ja dann alles gut. Wenn Erik hat was er will – die Frau und die Kinder… Was du dir da baust, ist ein Luftschloss, Christine! Erik ist kein böser Mann, aber er hat nie gelernt, was es bedeutet, eine Familie zu haben. Er wird, selbst wenn er sich ernsthaft bemüht, niemals der vorbildliche Familienvater sein, der Raoul meinen Kindern sein könnte. Ich will nicht noch einmal nach dort unten! Ich habe so furchtbare Angst, Erik zu sagen, dass ich nicht bei ihm bleiben kann, dass ich Raoul liebe. Er wird es niemals verstehen… Und ich bin mir sicher, dass mein Nein ein Leben fordern wird. Es gibt nur einen Weg zu verhindern, dass es Raouls ist.
Christine Daaé, 01.November 1882

Weiße Rosen hat sie immer so geliebt. Und nun ist der ganze Raum damit gefüllt. In der Luft liegt noch der aufdringliche Duft dieser allmählich verwelkenden Blumen. Ich habe sie nie ausstehen können, mir verschafft der Geruch Übelkeit. Aber Christine ist es mir wert gewesen. Nach jeder Vorstellung habe ich diese grauenvollen Blumen zu ihr gebracht, habe an ihrer Seite gesessen und das Strahlen in ihren Augen beobachtet. Sie ist so wunderschön. Selbst jetzt noch, wo sie mit geschlossenen Augen zu meiner Rechten liegt, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Mir ist, als müsste sie jeden Moment aufspringen und mich an sich ziehen können. Wie sehr wünschte ich mir, es wäre so. Wie sehr wünschte ich mir doch, dass dies hier unser Schlafzimmer wäre, in dem wie unsere Hochzeitsnacht verbringen. Ja, überall brennen Kerzen, in unzähligen Vasen stehen die Rosen und draußen peitscht der Wind gegen die Fenster. Wir wären den ganzen Tag im Bett geblieben und hätten uns geliebt. Wir hätten die Welt ausgeschlossen und niemanden an unserem Glück teilhaben lassen. Egal, wo es uns hinverschlagen hätte. Aber wir sind immer noch in Paris und dieser Raum ist nicht unser Schlafzimmer. Was zu meiner Rechten steht, ist nicht unser Ehebett sondern ein schwerer Sarg, in dem die Frau begraben werden wird, die mir mehr bedeutet hat, als irgendetwas anderes. Christine wird niemals wieder lebendig werden. Ich wünschte, ich hätte mehr als diese wenigen Papiere, auf denen sie ihre Gedanken festgehalten hat. Ich wünschte, sie wäre nicht tot. Der Gedanke, dass sie es getan hat, nur um uns zu beschützen, treibt mich immer wieder fast zur Verzweiflung. Hätten wir uns nicht kennen- und liebengelernt, wäre sie noch am Leben. Sie hätte doch wissen müssen, dass ich mich selbst wehren kann. Ich hätte uns und unser Glück beschützt, Christine. Ich hätte nicht zugelassen, dass er dich verletzt.
Nun sitze ich hier und lausche dem Prasseln der Graupelkörner an der Fensterscheibe und dem Knacken des abbrennenden Holzes im Kamin.
Und obwohl ich seit zwei Nächten hier an ihrer Seite wache, bin ich mir sicher, dass er kommt. um Abschied zu nehmen. Ich hätte es an seiner Stelle getan. Wenn er sie nur halb so liebt wie ich…. Die Nachricht von ihrem Tod muss ihn erreicht haben.
Ganz Paris spricht von dem furchtbaren Unglück. Der jungen Sängerin, die über ihrem plötzlichen Erfolg den Verstand verloren und sich in der Nacht zum ersten November die Pulsadern aufgetrennt hat. Kaum haben sich diese Gedanken und Bilder erneut in meinen vor mein inneres Auge geschlichen, spüre ich, wie das Schluchzen meine Kehle hinaufsteigt. Es schnürt sie zu, ich möchte schreien, aber ich kann es nicht. Als man mir die Nachricht überbrachte, war ich nicht fähig zu irgendetwas. Zwei Tage sind aus meinem Kopf wie ausgelöscht. Der dichte Nebel aus Laudanum, hat sie ebenso geschluckt wie die Geräusche und die Tränen. Und dennoch habe ich kein Auge zugetan, starre nur aus dem Fenster und nun auf sie.
Mein Kammerdiener hat sich so wie ich seit gestern kaum aus diesem Raum begeben. Man hat ihn beauftragt, darauf zu achten, dass ich keine Dummheiten mache. Scharfe Gegenstände, meine Pistole von mir fernzuhalten und dafür zu sorgen, dass ich nur soviel Laudanum zu mir nehme, dass es mich ruhig stellt. Aber ich weiß, dass mein Diener bewaffnet ist.
Stunden vergehen, bald wird der neue Tag anbrechen. Ich kann hören, noch immer kein Geräusch im Chateau ausmachen. Nur ein paar müde Schritte nähern sich diesem Zimmer. Drei Uhr. Man bringt mir meine erlösende Droge.
Die Kerzen sind beinahe ganz heruntergebrannt, als ich ein Klicken an einem der großen Fenster vernehme. Müde nehme ich eine Bewegung hinter einem der Vorhänge wahr und selbst im schwachen Licht kann ich seine Umrisse erkennen. Ich fühle mich schwach und doch auf eine seltsame Weise erleichtert, dass er tatsächlich gekommen ist. Denn obwohl Christine sich in ihre Angst vor ihm hineingesteigert hat, hat sie ihn auf ihre eigene Art und Weise geliebt. Aus keinem anderen Grund wäre sie freiwillig so häufig zu ihm zurückgekehrt. Nun ist es also an der Zeit, auch ihn Abschied nehmen zu lassen. Ich fühle mich alt und schwach. Zu schwach, um irgendetwas außer bodenloser Trauer zu empfinden – nicht einmal Hass. Ich höre, dass der Dienstbote hinter mir den Hahn einer Pistole spannt, aber ich hebe nur rasch die Hand und halte ihn davon ab, Erik zu bedrohen. Dieser scheint mich ohnehin nicht wahrzunehmen – oder wahrnehmen zu wollen. Mit gesenkten Schultern und merkwürdig schleifenden Schritten schleppt er sich zu ihrem geöffneten Sarg, beinahe so, als bemerke er meine Anwesenheit gar nicht. Ich habe meine Hand noch immer nicht von Christines gelöst und so berührt er mich fast, als seine zitternden knochigen Finger nach ihr tasten.
Ich weiß nicht, was ich ihm in diesem Moment sagen soll. Bislang ist er mein Rivale gewesen, nun habe ich zum ersten Mal das Gefühl, ihn verstehen zu können. Sein Schmerz ist meiner.
Eriks Rechte ballt sich zur Faust, während seine andere scheinbar Christines leicht geöffnete Lippen berühren wollen. Sein Blick, seine Haltung… mit einem Mal scheint er tatsächlich der alte kranke Mann zu sein, als den Christine ihn mir stets beschrieben hat.
“Gehen Sie!”
Ich bin viel zu überrascht, nach so langer Zeit wieder eine menschliche Stimme zu hören, dass ich ihn nur ansehe. Langsam nicke ich, doch beim Versuch, mich zu erheben, zittern meine Beine so stark, sodass ich erschöpft wieder in den Sessel sinke.
“Monsieur le Vicomte!” dringt die Stimme des Kammerdieners zu mir. “Mit Verlaub, Sie haben ganz sicher nicht das Recht, den Hausherren des Raumes zu verweisen.”
“Und Sie haben nicht das Recht, sich in diese Angelegenheit einzumischen!” herrsche ich ihn matt an.
Erik rührt sich nicht. Nachdem auch mein zweiter Versuch, mich zu erheben, gescheitert ist, winke ich den Diener heran, der mir aufhilft.
Noch immer bin ich nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu Erik zu sagen. Und ich denke, ich kann mehr für ihn tun, wenn ich ihn allein von ihr Abschied nehmen lasse. Mit Hilfe des Kammerdieners, der die Pistole auf den Tisch neben mir sinken lässt und mich stützt, gelingt es mir, den Raum zu verlassen. Es ist merkwürdig, wie alt ich mich plötzlich fühle. Im Korridor lasse ich mich schwer atmend auf einem Stuhl nahe der nun verschlossenen Tür nieder und bedecke meine Augen mit beiden Händen. Was er wohl tut? Ob er sie berührt und noch einmal in den Arm nimmt? Ob er ihre Hand küsst, ihren Mund aus der utopischen Annahme, sie wie ein Prinz im Märchen wiedererwecken zu können? Ob er sein Gesicht an ihrer Schulter verbirgt und weint? Oh wie sehr wünschte ich, dass ich nun weinen könnte… Als ich den Kopf hebe, merke ich, dass der Diener ebenso gespannt wartet, wie ich. Aber von drinnen sind keine Geräusche zu hören. Dann plötzlich zerschmettert Holz nahe der Tür und ein gequälter Schrei dringt zu mir.
“Warum, Christine? Warum?” Selbst seine Stimme hat sich verändert. Es ist ein alter Mann, der im Nebenzimmer mit der Leiche meiner verlobten spricht. Seine Stimme hat nichts mehr mit der gemeinsam, die ich vor so vielen Monaten in Christines Garderobe gehört habe. Sie hat jegliches Timbre verloren. “Ich habe doch alles für dich getan…”Oh ich weiß was, wahrscheinlich wär’s besser gewesen, ich hätte ein ganzes Dorf enthauptet, ihre Köpfe aufgespießt und ihnen dann mit einem Messer die Wirbelsäule geöffnet und ihre Flüssigkeit getrunken, hört sich das gut für dich an?” Er lacht hämisch auf und bricht dann in heftiges Schluchzen aus, das mir fast die Luft abschnürt. Seine Wut auf sie ist so schnell verraucht, wie sie gekommen ist, und nun bleibt nichts weiter als der Schmerz. Auch ihm hat sie nichts hinterlassen – keinen Brief…
“Ich würde die ganze Welt abschlachten, wenn Du mich nur lieben würdest!” wimmert es aus dem Nebenzimmer, ehe wieder Stille einkehrt. Ich kann mein Blut in den Ohren rauschen hören, meinen Herzschlag. Meine Zunge ist schwer und noch immer betäubt vom bitteren Geschmack des Laudanums. Mein Kammerdiener ist dazu übergegangen, imaginäre Staubpartikel von seinem dunklen Anzug zu pflücken. Wieder scheinen Ewigkeiten zu vergehen und schließlich schüttele ich leicht den Kopf. Erik hatte eine lange Zeit um sich von ihr zu verabschieden, nun zieht es mich selbst wieder zu ihr.
Auf mein Zeichen hin, hilft mir der Dienstbote aus dem Sessel und öffnet die Tür. Der Raum ist verlassen. Durch das Fenster weht eisige Luft hinein und fast automatisch gleitet mein Blick zum geöffneten Sarg. Christine liegt noch ebenso da, wie ich sie zurückgelassen habe. Nun beinahe. Eine einzelne Locke fällt ihr nun über die Schulter und die Falten ihres Hemdes liegen nicht ganz so akkurat, wie ich es in Erinnerung hatte. Nun bin ich mir ganz sicher, dass er sie aus dem Sarg genommen hat, um sie ein letztes Mal in den Armen zu halten. Als ich wieder an ihrer Seite sitze und meine Hand auf ihre kalte lege, entdecke ich einzelne Papierfetzen am Boden. Notenblätter, in winzig kleine Stücke zerrissen… Und noch etwas ist anders. Die einzelnen Blätter ihres Journals, die ich in die Falten der Sargauskleidung gesteckt hatte, sind verschwunden. Christines Journal… ihre letzte Eintragung vom ersten November, die obenauf lag….
“Er hat sie mitgenommen.” murmelt der Diener und ich nicke schwach.
“Das wird Monsieur le Comte gar nicht gefallen.”
Ich hebe den Kopf. Was hat mein Bruder mit Christines Tagebuch zu tun? Meine Hand ertastet etwas Feuchtes, Zartes. Im selben Augenblick in dem ich danach greife, durchbricht ein Schuss die Stille.
“Mon dieu!” keucht mein Diener und stürzt zum Fenster. “Er hat jemanden damit verletzt! Er wird Sie damit umbringen können!”
Langsam schließe ich die Augen, in denen zum ersten Mal seit Tagen heiße Tränen brennen. Ich wünschte, er hätte mir die erste Kugel geschenkt. So oft muss er sich gewünscht haben, mich zu töten, und nun, da er die Chance hat, ist es sein Leben, das er nimmt.
Vorsichtig schließe ich die rote und die weiße Rosenknospe wieder in ihre Hand. Bald, Christine… Philippe wird nicht täglich auch mich aufpassen können. Bald werden wir wieder zusammen sein.

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